36
I. Biographisches
wenig bedencken hat / einen Thaler daran zu wagen. Denn da ichs einmal im Namen GOTTES angefangen / einige arme Waysen / ohne menschliche Absicht auff ein gewisses Capital auff- und anzunehmen / so ließ ichs auch getrost auff den HErrn ankommen / deren noch mehr dazu zu thun.
XIV.
Und ist demnach keines weges des Waysen-Hauß auff ein gewisses / vorhin schon gegenwärtiges Capital / noch auff ein gewisses Versprechen hoher Personen / die sich etwa zu Herschiessung aller Unkosten verbündlich und anheischig gemacht hätten / noch auff sonst etwas dergleichen / wie nachgehends spargiret worden / und einige muthmassen wollen / sondern auff den lebendigen GOtt im Himmel bloß und lediglich angefangen und gegründet worden.
XV.
Des nachfolgenden Tages / nachdem ich die ermeldten vier Wayselein angenommen hatte / kamen gleich noch zwey dazu / des nächsten Tages darauff wieder eins / zwey Tage darnach abermal eins / und acht Tage darnach wieder eins / daß also den löten (21) Novembr. 1695. schon ihrer Neune beysammen waren / welche bey unterschiedlichen Christlichen Leuten erzogen wurden. Für solche ward ein Studiosus Theologiae mit Namen Georg Heinrich Neubauer 7 zum Auffseher bestellet / der / was zu ihrem Unterhalt gehörete / unter den Händen hatte / und berechnete / und darauff acht hatte / daß es / so viel damals möglich / an keinem Stück / so zu guter Erziehung dienet / ihnen ermangelte. Und also waren die armen Waysen eher da / als ihnen ein Hauß erbauet / oder gekauffet war. 7 8
XVI.
Inzwischen kam mir der getreue GOtt und Vater der Waysen / der überschwenglich mehr thun kann / als wir bitten oder verstehen / so kräfftig zu Hülffe / daß ich in meiner albern Vernunfft es so gut nicht hätte hoffen mögen. Denn Er erweckte das Hertz derjenigen Standes-Person / die mir oberwehnte fünffhundert Thaler an baarem Gelde gegeben / mir noch über dieses zu Anfang des Winters tausend Thaler darzu zureichen. Und mitten im Winter wurde ferner eine hohe Standes-Person erwecket / mir Drey hundert Thaler zu senden / meine angefangne Verpflegung der Armen fortzusetzen. Eine andere Person gab Hundert Thaler / derer andern kleinen zufliessenden Summen Geldes zu geschweigen. 9
So konnte nun durch Göttliche Gnade nicht allein vielen armen Studiosis wöchentlich zu ihrem Unterhalt etwas gereicht / das wöchentliche Kostgeld für die armen Waysen gegeben / und Kleider und nöthiges Leinen-Geräthe ihnen angeschaffet / und die Armen-Schule im guten Flor erhalten werden / sondern es wurde auch ein Hauß gekaufft / und gegen den Frühling ein Hinter-Hauß dazu angebauet. Denn wie die Sache im Glauben angefangen war / so wollte man sie einfältig im Glauben fortgehen /
7 Georg Heinrich Neubauer (1666—1726), Sohn eines armen Bauern, besuchte die Domschule zu Halberstadt und studierte in Leipzig. Er gehörte zu den engsten Mitarbeitern Franckes (vgl. Knuth, a.a. 0., S.ölff.).
8 Dieser Paragraph fehlt in der „Historischen Nachricht“. Die Angaben sind offensichtlich nach dem Gedächtnis gegeben. Nach dem von Neubauer geführten Verzeichnis vollzog sich die Aufnahme der ersten Waisen etwas anders (vgl. Kramer, A. H. Francke, I, S. 169, Anm. 1).
9 Vgl. die in vorl. Ausg., S. 35 genannten Spendenlisten.