2. Die Fußstapfen Gottes, 1701

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und die vernünfftliche Besorgung des zukünftigen Mangels sich nicht zurück halten lassen / zu einem beständigen Wesen einigen Grund zu legen / ob man sich wohl mit allem Fleiß hütete / nicht das geringste anders als zur Nothdurfft der Armen anzu­wenden.

XVII.

So bald nun das Hinter-Hauß ein wenig zum Auffenthalt (22) der armen Waysen bequem gemacht war / theils durch Renovirung der alten Zimmer / theils durch An- bauung einiger neuen / ob ichs zwar zu Anfangs nur zu den Armen-Schulen zu ge­brauchen gemeynet hatte / ward ich doch Raths / solches zum Waysen-Hause zu­gebrauchen: nahm derohalben die zwölff armen Kinder (denn so viel hatten sich indessen gesammlet) von den Leuten weg / und thate sie in diß Hauß / woselbst sie der vorgedachte Student / welcher zu ihrem Auffseher bestellet war / mit Speise und Tranck / Kleider / Betten etc. versähe / und dafür Sorge trug / daß sie in der Reini­gung / guter Information und Ordnung gehalten wurden / und also in allem als ein Vater von zwölff Kindern war. Auff diese Weise wurde es eingerichtet und angefan­gen Anno 1696. acht Tage vor Pfingsten.

XVIII.

Unter solcher Auffsicht und Verpflegung blieben die Kinder sieben Wochen / mittlerweile GOtt noch manchen Seegen zufliessen liesse / daß zu einer völligem Einrichtung der Weg immer besser dadurch gebahnet wurde / wie denn nicht allein alle zu einer förmlichen Haußhaltung nöthige Mobilien / und sonderlich Spann- und Feder-Betten in guter Anzahl (weil man aus gnugsamen Ursachen ein jedes Kind wollte allein schlaffen lassen) angeschaffet / sondern auch ein Brunn und Keller dazu gegraben und bereitet wurden / welche beyde Stücke im Herbst Anno 1696. vollends zu Stande kamen. Es verstärckte sich auch in obgemeldten sieben Wochen die Zahl der Kinder biß auff achtzehen; da denn diesem einigen Menschen das Werck zu schwer ward / und demnach einen besondern zur Oeconomie zubestellen mich ge- nöthiget fand. 10

XIX.

Denen armen Studiosis hatte ich inzwischen wöchentlich eine gewisse Stunde | bestimmet / da sie kamen und ihr Deputat abforderten. Hierbey ward zwar nicht 1 unterlassen / auff ihr Leben und Studia acht zu haben / ob sie auch solche Wohlthat zu ihrer Nothdurfft und zu GOttes Ehren anwendeten. Es fand sich aber nicht ge­ringe Schwierigkeit bey so vielen jungen Leuten allerdings zuverhüten / daß nichts von dem Gelde zu unnützen Dingen verwendet würde. Daher beschloß ich im Namen des HErrn / solchen Studiosis an statt des wöchentlich ihnen destinirf 23)ten Gel­des / den freyen Tisch zugeben / der festen Zuversicht zu GOtt / er werde von Zeit zu Zeit / so viel zufallen lassen / daß solche Tische fortgesetzet werden könnten.

Dabenebenst sähe ich / daß 1. auff diese Weise den Studiosis mehr damit gedienet wäre / wie denn auch mehrere Unkosten darzu erfordert wurden. 2. Daß ich auff diese Weise die jungen Leute besser könnte kennen lernen / und genauere Auffsicht auff ihr Thun und Lassen haben. 3. Daß ich auff solche Weise die jenigen / so es nicht höchst bedürfftig wären / besser zurück halten könnte / als welche gern auch nied- \ licher gespeiset seyn wollten.

10 Nach derHistorischen Nachricht, S.28ff., war es Georg Carl Müller, der am 15. Juli 1696 sein Amt antrat.

4 Peschke, Francke-Werke