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I. Biographisches

mir allerhand Art Arme auff den Halß geschickt / ohne im geringsten vorher zu fragen / ob auch noch Gelegenheit da wäre sie zu accommodiren.

Man hat es dergestalt extendiret / daß man sich auch an weit entlegenen Orten fest eingebildet / ich kriegte jährlich dazu zwölfftausend Thaler. Dahero denn dürfftige Personen von fernen herkommen / und sich dann sehr verwundert / wenn sie nicht gleich mit Nahrung und Kleidern versehen worden / nachdem die Stellen schon von andern occupiret gewesen.

Es ist aber aus obiger Vorstellung zur gnüge zu erkennen / daß das Werck / wie es im Glauben und Vertrauen auff den lebendigen GOtt / und nicht auff in Händen habende Mittel angefangen / also auch in eben demselbigen Glauben / und unter gleichen Prüfungen (der dazu kommenden Beyhülffen ohnerachtet) fortgesetzt sey; gleich wie es auch biß auff diese Stunde noch keine andere Gestalt hat.

(54) XLII.

Für das allervornehmste und wichtigste / so dem gantzen Werck eine Förderung gegeben / erkenne ich dieses / daß mir GOtt von Anfang her solche Mit-Arbeiter verliehen / welche in einer auffrichtigen Liebe zu GOtt und ihrem Nechsten ge­standen. 19 Daher sie dann nicht umb schändlichen Gewinnstes willen / die Hand mit angeleget / noch auf einige Belohnung ihre reflexion so weit gemachet / daß sie umb deren willen sich zu Auffnehmung ihrer Mühe und Arbeit verstanden / noch sonst eine Miedlings-Art in der Ausrichtung ihrer Geschaffte spüren lassen. Im Gegentheil haben sie das Werck als GOttes Werck angesehen / und nicht Menschen sondern dem HErrn dabey gedienet / mit wahrhafftiger Verleugnung und Auffopfferung ihrer selbst zum Dienst des Nechsten.

Aus welchem Grunde dann auch kommen / daß sie für Uneinigkeit / Neid / und andern dergleichen Lastern von GOtt in Gnaden bewahret worden. Vielmehr aber einer dem andern die Last auf bedürfenden Fall tragen helffen / und nicht allein ihre untergebene und zum Werck bestellete Leute ihrer Pflichten / sondern auch / wenn einer an dem andern etwas wahrgenommen / wie er in seinem Theil noch mehr Nutzen schaffen / oder Schaden verhüten könne / solches in Liebe erinnert. Wann mich aber einige schwere Umstände dabey betroffen / haben sie sich nicht allein im Gebet mit mir conjungiret / sondern auch selbst auf alle Weise mir die Last zuerleichtern ge­trachtet; daß sie also selbst Glauben und Liebe bey dem Werck wol zubeweisen gehabt / und manche gute Erfahrung dabey erlanget / auch von GOtt mit vielem herrlichen Trost auffgerichtet und gestärcket worden; daher sie sich wenig daran gekehret / wenn sie andere durch allerhand scheinbare Vorstellungen von solchen täglichen Glaubens- und Liebes-Wercken / darinnen sie / wegen des bey manchen grossen Prüffungen entstehenden Nutzens / ihre Glückseligkeit gefunden zuhaben erkennen / mündlich und schrifftlich abstrahiren wollen.

Wann auch gleich alle obgemeldte wunderbare Versorgung GOttes da gewesen wäre / würde dennoch das Werck so weit nicht (55) haben gefördert werden können / wann nicht der HErr auch hierinnen sein väterliches Auge auf das Werck gehabt / und tüchtige Leute zu dessen Führung mir zugesellet. Daher ich solche Göttliche Güte höher als alles Geld und Gut aestimire / und es billich zu denen Mitteln zehle / wodurch das gantze Werck hieselbst angefangen und fortgesetzet worden.

19 Zu den Mitarbeitern Franckes vgl. G. Knuth, A. H. Franckes Mitarbeiter an seinen Stiftungen, Halle 1898.