2. Die Fußstapfen Gottes, 1701

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Ich habe auch nicht den geringsten Zweiffel / so lange GOtt solche gewissenhafte / und gantz uninteressirte Arbeiter zu dem Wercke schencken wird / so lange wird es sich auch seines Göttlichen Segens und stetigen Wachsthums zuerfreuen haben; gleichwie im Gegentheil von lohnsüchtigen Miedlingen / die ein Aemtchen / ihren eigenen Yortheil / Gemächlichkeit / oder wol gar Ehre vor der Welt dabey suchen möchten / nichts als Unsegen und Zerrüttung zugewarten seyn wird; daher ich auch zu GOtt hertzlich bete / daß er in Gnaden verhüten wolle / daß dergleichen Leute die Hände nicht hinein kriegen.

(60) Das III. Capitel.

Von

Denen mancherley und zum theil harten Prüfungen / in welchen das Werck unter dem mächtigen Schutz und Seegen GOttes fort- geführet worden.

I.

WEil aber insgemein viele / die keine gnugsame Information von der gantzen Sache gehabt / sich die Führung des Wercks gar anders eingebildet / als sie in der That gewesen / und auch noch aus dem / was von vielen Exempeln der wunderbaren Providenz GOttes gemeldet worden / jemand vielleicht einen solchen Begriff von der Sache schöpffen möchte / daß bey der Führung des Wercks es ohne Beschwerlichkeit und harte Umbstände (weil man ja mit Gebet von GOtt erlanget was man bedurfft) hergegangen; als achte ich ferner für nöthig / kürtzlich mit hinzuzufügen / unter was v/o.r beschwerlichen und dem Fleisch und Blut ziemlich unleidlichen Prüfungen das Werck fast allezeit gestanden.

Es haben einige gar frey davon gesprochen: Anfangs sey das Werck wol im Glauben geführet worden / aber jetzt nicht mehr / da man gnug darzu habe. Andere: Es sey keine Kunst ein Waysen-Hauß anrichten j wenn man gnug darzu kriegte. Solche haben weder der Sachen noch meines Hertzens Grund / noch auch meine Umbstände / in welchen ich gestanden / gewußt und erkannt / sonst würden sie hoffentlich anders geredet haben.

Denn Überfluß in Händen haben / und aus seinem grossen Vorrath andern mit­theilen / würde zwar auch in der getreuen Administration, Arbeit und Sorgfalt genug / doch etwa wenigere Prüfungen mit sich führen. Aber was es sey / nichts in den Händen haben / viele umb sich sehen / welche von einem Brodt / und Kleider und andere Nothdurjft fordern / mag ein Vater oder eine Mutter urtheilen / die bey ihren wenigen Kindern Ar(61 Jmuth erfahren. Davon kann niemand urtheilen / der immer Küchen und Keller voll hat. Die Vernunfft siehet auff das gegenwärtige / und wenn nichts vorhanden ist / so verzaget sie. Es würde auch mancher es für ein geringes Leiden halten / wenn er gleich selbst Hunger leiden sollte / so er nur nicht die Seinigen vor den Augen hätte / und deren äusserste Nothdurfft erkennen müßte; ja mancher möchte auch mit den Seinen noch lieber Noth leiden / als zugleich so viele andere auff dem Halse haben / und nichts dazu wissen.