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I. Biographisches

II.

Solche Stunden nun der Prüfung und äussersten Armuth / sind mir bey dem "Werck nicht ein- sondern so vielmal / daß ichs nicht zu zehlen weiß / auff den Halß kommen / da ich nicht allein nichts gehabt / sondern auch nichts zu kriegen gewußt.

Anfangs gedachte ich / wenn die Stunde käme / da die Hülffe nöthig wäre / so würde GOtt schon mit seiner Hülffe da seyn. Aber ich mußte lernen / was das heisset: Meine Stunde ist noch nicht kommen; 20 und / daß GOtt gar offt eine andere Stunde zu helffen setzet / als wir uns etwa in unserer Noth unterstehen ihm vorzuschreiben. Auff solche Weise lernet man das Wort des Davids verstehen / ach du HErr wie lange Psal. YI, 4.

Es ist offt und vielmal geschehen / daß ich keinen Heller mehr übrig gehabt / ob wol auff den nächsten Tag das Marckt-Geld auf zwey biß dreyhundert Personen da seyn müssen.

Ich habe mannichmal auch die jenige Pfennige und andere kleine Müntze zu Hülffe nehmen müssen / die etwa darzu beygeleget worden / daß man bey dem übrigen Anlauff der Armen vor der Thür / etwas zur Hand hätte.

Was man nicht zur höchsten Nothdurfft sonst gebrauchet / hat man zu Gelde machen / und Brodt dafür kauffen müssen.

Es ist einsmals geschehen / daß der Oeconomus, da er bey mir gar nichts gefunden / mit Schmertzen gesucht / wie er nur ein paar Groschen bekommen möchte / daß er etliche Lichte auff den einen Abend kauffen könnte / damit die Kinder nicht im finstern sitzen dürfften / und hat eher nichts angetroffen / als biß es schon dunckel worden war.

(62) Und dergleichen hat sich vielmal ereignet / daß der Oeconomus wol die gegen­wärtige Nothdurfft gemeldet / aber leer von mir hat Weggehen müssen; auf welchen Fall denn zwar mein Hertz wegen des Mangels nicht beunruhiget worden / doch aber jenes seine Bedrängung wohl gefühlet hat. Er hat denn darauf! wol hie und da etwas gesucht / umb dem gegenwärtigen Mangel abzuhelffen / also daß die jenige / welchen Speiß und Tranck / oder Arbeits-Lohn zu reichen war / solches zu rechter Zeit be­kämen / und keines Mangels inne würden / oder Noth leyden dürfften.

Und dergleichen kümmerlicher Zustand und Bedrängung hat dann wol so lange an­gehalten / daß vor aller menschlichen Vernunfft alle Hoffnung aus und verlohren gewesen.

(64) V.

Noch grösser ist die Undanckbarkeit gewesen / welche diejenige zum theil er­wiesen / denen man aus Mitleiden / und umb ihrer Armuth willen / ihre eigene oder anverwandte Kinder entweder mit freyer Schul / oder noch darzu mit freyer Kost / Kleidung und aller Nothdurfft versehen. Dann da haben sich solche Leute zum theil durch anderer / je zuweilen auch wol durch eigene Boßheit auff bringen lassen / an statt der Erkentlichkeit / welche sie hätten zeigen sollen / die schändlichsten Läste­rungen im gantzen Lande auszustreuen / und sich noch wol einzubilden / als thäten sie einem noch einen sonderlichen Gefallen / daß sie nur ihre Kinder so versorgen liessen. Bald haben sie ausgebracht / die Kinder würden so elend gespeiset / daß man keinen Hund so elend halten könnte; Bald / sie würden mit Arbeit so beleget / daß es nicht auszustehen wäre. Welche es noch gut machen wollen / die haben die Schuld auf diejenigen gegeben / so zur Anführung und Verpflegung der Kinder von mir

20 Vgl. Joh.2,4.