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I. Biographisches

Das V. Capitel.

Von

Dem Nutzen der gemachten Anstalten , 23

I.

WAs den geistlichen Nutzen / welcher der vornehmste ist / betrifft / ist solcher aus dem vornehmsten Zweck der gantzen Anstalten leicht abzunehmen. Denn es ist solcher auff die Erhaltung der Seelen der Menschen zum ewigen Leben gerichtet; und gleich wie die Seele mehr ist dann der Leib / also ist die (75) äusserliche Ver­pflegung des Leibes keinesweges die Haupt-Absicht / sondern diese geschiehet um des willen / damit man die Seelen erhalten möge.

Ob jemand an der Auffrichtigkeit dieses lautern Zweckes / durch ungegründeten Argwohn / zweiffeln wollte / so ist er zur Gedult zuverweisen / biß auff den Tag / da GOtt den Rath der Hertzen offenbaren wird / und inzwischen zu erinnern / daß er GOtt als dem Hertzenkündiger solch Urtheil über das verborgene des Hertzens anheim gebe.

II.

Indessen können doch verständige und unpartheyische Gemüther solche Haupt- Absicht zur Gnüge erkennen / wenn sie die gantze Verfassung in Augenschein neh­men. Denn wie der Zweck ist / so sind auch die Mittel / so man zu dessen Erhaltung gebrauchet. Nun ist hier alles gantz offenbar / und handgreiflich dahin eingerichtet / daß solcher Haupt-Zweck / so weit es möglich / auffs allergewisseste erreichet werden möge. Die hierzu angewandte Mittel sind solcher Art und Beschaffenheit / daß sie niemand mit einigem Schein wird verwerffen können. Man hält denen Armen und der Jugend GOttes Wort vor / und wird niemand aufftreten / der mit einigem Be­stände der Wahrheit sagen könne / daß man das Wort GOttes mit Menschen - Lehre und einigem Irrthum verfälsche. Es wird so wohl auff den ungefärbten Glauben an unsern HErrn JEsum Christum / als auff dessen Beweiß in wahrer ungeheuchelter Gottseligkeit / und einem beständigen Tugend-Wandel unermüdet gedrungen.

Es werden zur Auffsicht und zum Unterricht solche Leute mit möglichstem Fleisse ausgesuchet / von welchen man sich genugsam versichert zu seyn erachtet / daß sie zugleich mit Lehr und Leben recht vorleuchten werden. Findet man an jemand / wider verhoffen / das Gegentheil / so muß er einem bessern als er ist / Platz machen.

Man suchet alle Gelegenheit der Verführung auff alle mögliche Weise abzuschnei­den; und so jemand nur einen Rath beyzutragen weiß / wie ein wahres Christenthum noch besser gepflantzet werden möge / so nimmt man solchen mit allem Danck an / und bestrebet sich / demselben nachzuleben. Dieses alles ist vor Au/76/gen / daß es auch von boßhafftigen nicht geleugnet werden kann.

III.

Daß täglich zwey Stunden dazu ausgesetzet sind / in welchen alle einheimische / und hieher kommende Arme / Blinde / Lahme / Krüppel / alle Exulanten / Abge- brandte / und sonst elende Leute mit allem Ernst unterrichtet / ermahnet / und getröstet / und darnach auch mit leiblichen Allmosen versehen werden / wird nie­mand anders / als für ein dem Lande höchst nützliches institutum achten können.

23 Vgl. A. H. Francke, Nutzen / So aus denen zur Erziehung der Jugend und Verpflegung der Armen zu Glaucha an Halle gemachten Anstalten entstehen, Halle 1698.