2. Die Fußstapfen Gottes, 1701
IV.
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Daß so manches armes Wayselein / umb dessen Aufferziehung sich niemand bekümmert / daß es verwildern / und in die greulichste Verführung nothwendig hinein gerathen muß / vom Bettel-Korb errettet / unter gute Auffsicht gebracht / im Worte Gottes aufferzogen / und zu einem guten / Christlichen / und nützlichen Unterthanen zubereitet wird / (wie denn bey diesen Anstalten geschiehet) kann dem Lande nicht anders als heylsam seyn.
V.
Daß manch schönes und herrliches ingenium, so eine Fähigkeit zu wichtigen Dingen hat / aber wegen grosser Armuth unterdrücket wird / oder wol gar / weil es ihm an guter Erziehung fehlet / zur Boßheit desto verschmitzter wird / und dem Lande einmal desto grossem Schaden bringet / nun hervor gesuchet / und dem Lande zum besten erzogen wird / daß es in gemeinem Wesen / oder in Kirchen und Schulen dermaleins herrliche Dienste leisten könne / ist eine Sache / deren sich das Land bil- lich zuerfreuen hat.
VI.
Daß denen Hauß-Armen / die kaum das Brodt haben / und dahero ihre Kinder nicht zur Schule halten / noch das Schul-Geld für sie geben / vielweniger sie mit nöthigen Büchern versehen können / freye Armen-Schulen auffgethan werden / und also die sonst so häuffig verwildernde Jugend gleichsam dem Satan aus dem Rachen gerissen / in GOttes Wort und andern zum gemeinen Leben höchst nöthigen Dingen unterrichtet wird / kann denen / so solche Wolthat gemessen / und dem Lande selbst nicht anders / als grossen Nutzen bringen.
( 77 ) VII.
Und was sind dieses anders / als angelegte Baum-Schulen / und Seminaria für das gantze Land? Denn da werden Christliche Hand-Werck- und Handels-Leute / gute Schul-Meister / ja auch Christliche Prediger und Raths-Leute praepariret / welche hernach desto mehr in ihrem Leben sich verbunden achten jederman zudienen / weil sie GOttes sonderbare Fürsorge von Kindheit auf erfahren / und mit allem Fleiß erzogen worden sind; Daher sich die Hohe Landes-Obrigkeit von solchen Anstalten nicht allein getreue und erwünschte Unterthanen gewiß versprechen / sondern auch die Hoffnung wol fassen kann / daß durch solche wolerzogene Unterthanen noch viele andere von einem straffbaren Leben werden abgeführet werden.
VIII.
Auch wird das Land unvermerckt von vielen starcken Bettlern / Dieben / Mördern / Strassen-Räubern / und losem Gesinde / welches grossen Theils daher entstehet / daß zu Verpflegung der Armen / und Erziehung der Jugend so schlechte Anstalt ist / durch dergleichen gemachte Verfassung würcklich einiger massen entlediget / davon das Land vielen / so geist- als leiblichen Nutzen zugewarten.
IX.
Wenn nun durch die Versorgung der Armen / und Erziehung der Jugend so vielem Übel gewehret / hingegen zu so vielem Guten der Grund geleget wird / auch die Menschen zu Ausübung der Liebe durch Exempel gereitzet werden / welche sich sonst
6 I’eschke, Francke-Werke