3. Briefe

A. H. Francke an Ph. J. Spener

Glaucha, 7. 3.1696 AFStA 125:144 (Ausfertigung)

Philipp Jacob Spener (16351705), der theologische Führer des deutschen Pietis­mus, ist für das Leben und das Werk Franckes von größter Bedeutung gewesen. Im Jahre 1686 hat er nach seiner Berufung zum Oberhofprediger in Dresden zunächst durch seine Briefe grundlegende Anregungen für die Arbeit des in Leipzig gegründeten Collegium Philobiblicum gegeben, denen Francke nach seinem eigenen Zeugnis den entscheidenden Anstoß zu seinem erbaulichen Bibelstudium verdankte (vgl. Lebens­lauf, vorl. Ausg., S. 18 f.). Im April 1687 lernte Francke Spener persönlich kennen (vgl. Lebensnachrichten, a.a.O., S.61). In dem für seine Wirksamkeit in Leipzig entscheidenden Jahr 1689 hielt er sich wiederholt im Hause Speners in Dresden auf. Von dieser Zeit an datiert die feste Freundschaft zwischen beiden Männern. Spener hat sich immer wieder schützend und helfend für den jüngeren, stürmischen Francke eingesetzt. Nach seinem Weggang von Dresden hat er im Jahre 1691 als Propst in Berlin Franckes Berufung nach Halle bewirkt und ihm in den Schwierigkeiten der ersten hallischen Wirksamkeit durch seinen Einfluß am brandenburgisch-preußischen Hof immer wieder die Wege geebnet.

Der Briefwechsel zwischen beiden Männern ist zum größten Teil erhalten geblieben und liegt fast vollständig gedruckt vor (Kramer, Beiträge, S. 193475; Weiske, a.a.O., 26, 1930, S. 109131; 27, 1931, S.3146). Er beginnt 1689 in der Leipziger Zeit Franckes, verstärkt sich dann in den Anfängen seiner Wirksamkeit in Halle (16921699) und verliert erst in den letzten Lebensjahren Speners an Intensität. Er gehört nicht nur zu den wichtigsten Quellen für die Biographie Franckes, sondern vermittelt auch einen Einblick in die Geschichte der pietistischen Bewegung.

Wir bringen nachstehend einen Brief aus dem Jahre 1696 zum Abdruck, der für die Persönlichkeit Franckes und sein Verhältnis zu Spener charakteristisch ist (vgl. Kramer, A. H. Francke, I, S.158f.). Er bildet den Abschluß einer bereits seit län­gerer Zeit geführten Erörterung über die Lehre vom tausendjährigen Reich. Francke hatte sich den von J. W. Petersen seit 1694/95 entwickelten Anschauungen von der Wiederbringung aller Dinge und der Möglichkeit der Buße nach dem Tode genähert (vgl. dazu W. Nordmann, Die Eschatologie des Ehepaares Petersen, ihre Entwick­lung und Auflösung, Zeitschrift des Vereins für Kirchengeschichte der Provinz Sachsen und des Freistaates Anhalt 26, 1930, S.82108; 27, 1931, S. 119). Spener hatte bereits mehrfach seine Besorgnis darüber ausgesprochen und Francke zur Vor­sicht gemahnt (vgl. Kramer, Beiträge, S.336f., 342, 343). Unser Brief enthält die vorläufig letzte Äußerung Franckes zu diesen Fragen. Eine abschließende Stellung­nahme scheint nicht vorzuliegen. Man hat sich aber später in Halle offiziell sehr zurückhaltend geäußert (vgl. Kramer, A. H. Francke, I, S. 156 ff., vorl. Ausg., S. 200).

Wir bringen den Text nach dem handschriftlichen Original AFSt A 125: 144; vgl. den Abdruck bei Kramer, Beiträge, S. 345349.