3. Briefe
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(l a ) Jesum!
In demselben theurester Vater, und Hochgeehrtester Herr Gevatter , 1
Dero geliebtes habe wol erhalten, und dancke hertzl. für die zu meinem besten angewante Mühe . 2 Es tauret mich aber hertzl. Demselben einige Bekümmerniß zugezogen zu haben. Wiewol ich versichern kan daß ich in der Sache so retire gewesen, daß ich deswegen etwa zu weit in Verdacht gezogen worden, als ob ich liberius davon geredet. Es möchte ja wol seyn, daß ausser dem Herrn von Schweinitz , 3 der mich doch selbst auff die materie gebracht, daß ihm auch mein Stillschweigen vielleicht noch anstößiger möchte gewesen seyn, oder an statt der Antwort gewesen wäre, auch H. D. Petersen 4 selbst sich von mir etwas vermercken lassen, wiewol ichs nicht weiß, sonst wüste ich nicht, wie es an die vornehme Person nach Dreßden 5 u. andere kommen sey. Auff die Sache selbst behalte ich mir vor künfftig zu antworten, wie sich mein Gemüth darinnen fasse. Noch stehet mir die Sache immota, und müste ich von dem Reich Christi, und der daran hangenden ersten (l b ) Aufferstehung gar einen andern concept faßen, wenn mein Gemüth allen scrupel davon weglegen solte. Ich suche die Warheit, die wolle mir Gott zeigen. Der mich aber versiegelt hat, daß ich weiß, daß ich unter seinen Knechten ewig vor seinem Trohn stehen sol, wird mich wol bewahren, daß ich nicht in Lügen und Irrthum falle. Der wird mir auch Weißheit
1 Spener war Pate bei dem ersten Sohn Franckes, dem am 14. März 1695 geborenen und in demselben Jahr verstorbenen August Gottlieb. Seitdem ist zwischen ihnen die Anrede „Gevatter“ üblich (vgl. Kramer, Beiträge, S. 327 ff.).
2 Francke bezieht sich hier und im folgenden wiederholt auf den vorangehenden Brief Speners vom 19. Februar 1696 (Kramer, Beiträge, S. 342—345). Der Dank für die angewandte Mühe gilt wohl speziell Speners „Anmerkungen über den Zustande der Seelen nach dem Tode“, die dieser wahrscheinlich seinem Brief beigefügt hatte (vgl. Kramer, Beiträge, S. 343; AFSt A 125: 133).
3 Georg Rudolf v. Schweinitz (f 1707), Geheimer Rat und Domherr zu Magdeburg, gehörte zu den Vertretern des preußischen Hofadels, die Francke und sein Werk unterstützt haben. Er hat zugleich mit den schwärmerischen und spiritualistischen Kräften sympathisiert. Sein umfangreicher Briefwechsel mit Francke hegt im Franckenachlaß in Tübingen (vgl. Deppermann, a.a.O., S.28ff„ 141 u. ö.).
4 Johann Wilhelm Petersen (1649—1727), zusammen mit seiner Frau Eleonora Petersen (1644—1724) Vertreter chiliastischer Anschauungen. 1692 aus seinem Amt als Superintendent in Lüneburg entlassen, lebte er zunächst auf seinem Gut Niederdodeleben bei Magdeburg und in späteren Jahren in Thymer bei Zerbst. Er stand seit längerer Zeit mit Francke in Verbindung (vgl. Kramer, Beiträge, S.336, 342, 343 f.). Ende März 1696 wurde er Pate bei Franckes zweitem Sohn Gotthilf August (vgl. Weiske, a.a.O., 26. 1930, S. 126f.). Trotz einer gewissen Entfremdung in späterer Zeit hat Francke an der Verbindung mit den Petersens festgehalten und einige ihrer Schriften im Waisenhausverlag drucken lassen (vgl. Deppermann, a.a.O., S. 132).
5 Vgl. Kramer, Beiträge, S.342. Es handelt sich wahrscheinlich um die Freifrau Henriette Katharina v. Gersdorf (1648—1726), mit der Spener und später auch Francke in engem brieflichen Kontakt standen. In einem Brief aus Dresden vom 24. März 1696 äußert sie gegenüber Francke ähnliche Besorgnisse hinsichtlich der neuen Meinungen Petersens und ihrer Auswirkungen für Halle (vgl. AFSt C 18, fol. 4af.).