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I. Biographisches
geben, zu reden, was und wie ich sol reden, darum ich bitte ferner für mich zu beten. Ich bin deswegen ohne Angst und Bekümmerniß, und ist mir leid, daß sich iemand meinetwegen ängstet. Ich sage aber mit Paulo: Meinetwegen dürffet ihr euch nicht ängsten, daß ihr euch aber ängstet, das thut ihr aus herzl. Meynung. 6 Was der Hoff vertragen könne oder nicht, dienet nicht zu meinem regiement, 7 noch wird sich irgend ein wahrer Knecht Gottes darnach richten. Hätte ich mich bißdahero wollen darnach richten, ich wäre offt im Glauben schwach worden, in Dingen, da mir doch der Herr manchen herrl. Durchbruch gegeben. Es hat unser gnädigster Landes Herr und seine Gewaltigen mehr Segen von mir, als ich von ihnen habe. ( 2 a ) Ja auch im leibl. bin ich gewiß, daß das Land mehr Nutzen und Segen von mir gehabt, (doch nicht von mir, sondern von dem Herrn der mich gesegnet hat) als ich des leibl. ge- noßen. Da ich versichern kan, daß ich mannichmal mit den meinigen hätte Hunger und Durst leiden müssen, wenn ich davon nur hätte leben sollen, was man mir gleichsam zur äußerl. Belohnung meiner Arbeit gegeben, da ich für das eine Amt biß auff diese Stunde nichts kriege, ohne daß ich 2 mal Cantzley jura vergebens und umsonst erlegen müssen, die Einnahme des andern aber, wenn ich mein Gewissen nicht gröbl. verletzen wil ad alendam familiam nicht hinlänglich ist. 8 9 Mein Glaube ist aber Gott lob bey dieser großen undanckbarkeit, damit man mich lohnet, nicht schwach worden, ja ich habe durch seine Krafft es noch darzu gewaget, einen Gehülffen im Amt nebst mir zu unterhalten, 8 und habe auch das Beicht-Geld, dieweil mir mein Gewissen wegen mancher umstände dabey zu enge worden heimlich abandonniret, 10 in dem ichs entweder nicht nehme und zwar von vielen, oder doch so ichs geschehen lasse, daß sie mir etwas hinlegen, solches den Armen ( 2 b ) alles gebe, wodurch mir fast die Hälffte von meinem ohne dem geringen Gehalt weggefallen, daß ich menschlicher Weise nicht sehen kan, wovon ich lebe mit den meinigen. In Erffurt ist mir nicht besser gelohnet, da man mir 20 Gulden Besoldung in anderthalb Jahren gegeben. Doch hat mich der Herr, weder hier noch dort noth leiden lassen. Daß man mir aber verstattet, das Werck des Herrn zu treiben, darinnen gebe ich die Ehre nicht Menschen, sondern dem lebendigen Gott, der wird mich nicht unfruchtbar seyn lassen, so lange ich lebe. Können mich Menschen nicht länger vertragen, so ists zu ihrem eigenen Schaden. Mir aber, ich weiß was ich schreibe, wird die Thür des Worts immer weiter auffgethan werden, und wird der Herr noch größere Barmhertzigkeit an mir thun als er gethan hat. Das ist Amen und ja, und wirds der Ausgang lehren, daß mein Glaube mir nicht gefehlet hat. Mein theurester Vater halte mir ein Wort zu gute, wiewohl ich ihn ehre als ein ( 3 a ) Kind seinen Vater, und dahero schuldig bin in Niedrigkeit und Demutb zu reden. Wenn er solche ängstliche und sorgliche Brieffe schreibet, wie fast alle zeit geschiehet, wenn sich nur etwa vor Menschen Augen eine geringe Gefahr zeiget, wundere ich mich nicht, daß solche, die ohne dem noch mehreren! regiment der Vernunfft unterworffen seyn, und mehr sich mit der Vernunfft
6 2. Kor. 6,12 (nach der alten Lutherübersetzung).
7 Vgl. Kramer, Beiträge, S.336f., 342f.
8 „zum Unterhalt der Familie“. Francke erhielt erst ab 1696 für seine Professur 100 Taler im Jahr (vgl. Kramer, A. H. Francke, I, S. 179).
9 Johann Anastasius Freylinghausen (1670—1739), nach längerer Auseinandersetzung Franckes mit der Gemeinde Ende 1695 als Adjunctus an der Georgen-Kirche, seit 1715 an der Ulrichs-Kirche, Schwiegersohn Franckes und nach dessen Tod Direktor der Stiftungen (vgl. Knuth, a. a. O., S.18ff.).
10 Vgl. A. H. Francke, Entwurf! / von den Mißbräuchen des Beicht-Stuhls, Halle 1697 (vgl. vorl. Ausg., S. 92 ff.).