3. Briefe
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nach Menschen, als mit dem Glauben nach Gott richten, dadurch sehr verhindert werden, daß sie nicht das Werck des Herrn mit freudigem Glauben treiben. Ich meines Orts kan nicht leugnen, daß ich dergl. sorgliche Brieffe mannichmal mit Furcht gelesen, weil ich dadurch mehrmals eine niederschlagung der Kräffte des Glaubens und dessen Freudigkeit innen worden, und an mir zu thun gehabt, daß meine Seele sich wieder in lauterkeit in Gottes Regiment einergeben. Gott aber sey danck der mir doch alles allemahl wolgelingen laßen, und mir in allen Dingen, die ich im Glauben fürgenommen, Sieg gegeben hat. Er wirds auch ferner tun, und mir geben daß ich mich ferner (3 b ) nur durch Sein Wort und Geist regiren laße, und dabey freudig und getrost sey. Mein theurester Vater weiß aber, daß ich ihn von Hertzen liebe und ehre, und auch seine Worte und Ermahnungen nicht geringe achte, sondern sie in Gott führe, und mich gern darnach richte, so viel ich kan, stehend unter meinem Gott. Ich weiß auch seine so hertzl. Liebe, daß er alles in Liebe und zum besten von mir auffnimmet. Was ein berühmter Theologus aus dem Reiche schreibet, irret mich gar nicht. * 11 Er sey wer er sey, so kennet er weder meinen Sinn noch mein Werck in dem Herrn, hats auch vielleicht nicht einmahl oder doch nicht recht gelesen und erwogen, was ich geschrieben. D. Bugenhagen hat selbst in seinem commentario in Psalmos eine andere als Lutheri Version gebrauchet, und ist von mir im Monat Augu- sto zum Zeugen angeführet. 12 Die Antwort auff H. Dassovii Schreiben kan er nun im Augusto und Septembri lesen. 13 Wiewol man es ja auch gar hart empfindet, daß ich so frey die Wittenbergischen Professores (4 a ) Theologiae für unwiedergebohrne Christen erkläre. 14 Ich habe meine Arbeit um Menschen willen nicht angefangen, um menschen willen wil ichs auch nicht unterlassen. Daß er mich inscitiae et temeritatis 15 beschuldiget, ist mir ein geringes. Der Tag wirds klar machen. Doch kennete er mich im Herrn, er würde vielleicht sanffter reden. Für den neuen Goliath aber fürchte ich mich nicht. Es mag ankommen wers nicht lassen kan. Den rühm der Gelehrsamkeit wil ich einem gerne lassen. Auff wessen Seiten die Warheit ist, und für ihn streitet, der ist doch der gelehrteste für Gott, und muß endlich siegen. Ich rüste mich mit Gott, und damit fürchte ich mich nicht für die gantze Rotte der fleischlich Gelehrten die sich ohne Gott rüsten. Die Tochter Zions schüttelt den Kopff über sie. 16 Giebt mir nur Gott Zeit und Krafft, ich wil sie nicht fragen, was ich thun oder lassen wil. Es lieget mir nicht an Menschen Zeugnissen, sonst hätte ich Zeugen genug, von Gelehrten und ungelehrten, die sich sehr über meine Monatl. Arbeit erfreuen, und deren continuation mit Verlangen erwarten. Daß sonsten mein (4 b ) theurester Vater berichtet, daß ein unhekanter Freund wegen des Waysen Hauses Vertröstung auff
11 Vgl. Kramer, Beiträge, S. 344.
12 Es geht um Franckes Observationes Biblicae, die er 1695 in monatlichen Abständen herausgab (vgl. vorl. Ausg., S. 249 ff.). Der Hinweis auf den Psalmenkommentar Johann Bugen- hagens (1485—1558) findet sich dort S. 881 f.
13 Theodor Dassovius (f 1721), seit 1678 Professor der Poesie und der orientalischen Sprachen in Wittenberg, 1699 Pastor und Professor in Kiel sowie dänischer Generalsuperintendent in Holstein. Francke hatte in den Observationes Biblicae Vorlesungsnachschriften von ihm zitiert, in denen Änderungen der Bibelübersetzung Luthers vorgeschlagen wurden (vgl. Observationes Biblicae, S. 614 ff.).
11 Vgl. Observationes Biblicae, S. 828.
15 „der Unwissenheit und Unbesonnenheit“. Die folgenden Äußerungen beziehen sich auf die Bemerkungen des ungenannten Theologen in Speners Brief (vgl. Kramer, Beiträge, S. 344).
16 Vgl. 2. Kön. 19,21.