A. H. Francke an H. W. Ludolf

[Glaucha, 13. 7.1699] AFSt D113, S. 153156 (Abschrift)

Heinrich Wilhelm Ludolf (16551712) stammte aus einer alten Erfurter Gelehrten­familie. 1678 ging er nach London und wurde dort 1686 Sekretär des Prinzen Georg von Dänemark, des späteren Gemahls der englischen Königin Anna. 1691 gab er dieses Amt auf, bereiste aber im Auftrag Englands, Dänemarks und Hollands Rußland (16921694) und den Orient (16981700). 1703 folgte eine Reise an mehrere euro­päische Fürstenhöfe, darunter auch an den Hof in Berlin. Am Ende seines Lebens zog er sich von jeder politischen Tätigkeit zurück.

Seit seiner Begegnung mit Spener im Jahre 1682 war Ludolf mit dem Gedankengut des Pietismus vertraut. Nach seinem Ausscheiden aus dem offiziellen Dienst widmete er sich ganz, auch auf seinen politischen Reisen, der Erneuerung und Vereinigung aller Kirchen. Die Bekanntschaft mit Francke erfolgte durch Vermittlung seines Onkels, des berühmten Sprachgelehrten und Orientalisten Hiob Ludolf (16241704), der mit dem Vater Franckes in Gotha Freundschaft geschlossen hatte und später dessen Sohn und sein Werk tatkräftig unterstützte. Nach denLebensnachrichten soll es bereits 1679 zu einer Begegnung zwischen H. W. Ludolf und Francke gekom­men sein (vgl. Kramer, Beiträge, S.59). Aber eine nähere Verbindung bahnte sich erst nach der Beendigung der Rußlandreise Ludolfs im Herbst 1695 an. In seinem er­sten Brief an Francke vom 4. Oktober 1695 bittet Ludolf um einen Mitarbeiter für den Dienst an der lutherischen Gemeinde in Moskau. Im Winter 1697/98 weilte er mehrere Monate in Halle. Er gab Francke und einigen seiner Mitarbeiter Unterr cht in der russischen Sprache und erörterte mit ihm seine Orientpläne. Auch späterhin hat er Halle mehrfach besucht. Doch löste sich sein engerer Kontakt zum hallischen Pietis­mus, als er sich gegen Ende seines Lebens immer stärker mystisch-schwärmerischen Ideen hingab.

Ludolf wurde auf Grund seiner vielseitigen Beziehungen zu einer Schlüsselfigur in den Bemühungen Franckes um eine weltweite Reform der Christenheit. Seinen Anregungen zufolge kam es auch zu einer näheren Verbindung mit der englischen Kirche und den nordischen Kirchen. Weitreichende Pläne zur Erneuerung der russi­schen und der orientalischen Kirche wurden ersonnen. Nur weniges konnte verwirk­licht werden. Aber alle diese Pläne zeugen eindrucksvoll von dem weltweiten Denken des durch Francke geprägten hallischen Pietismus. Zur Problematik vgl. J. Tetzner, H. W. Ludolf und Rußland, Berlin 1955; E. Winter, Halle als Ausgangspunkt der deutschen Rußlandkunde im 18. Jahrhundert, Berlin 1953; E. Beyreuther, August Hermann Francke und die Anfänge der ökumenischen Bewegung, Leipzig 1957.

Der Briefwechsel zwischen Francke und Ludolf ist nur einseitig überliefert. Während zahlreiche Briefe und Berichte Ludolfs vorliegen (vgl. besonders AFSt A 112, D 71), sind die Briefe Franckes bis auf eine Ausnahme verlorengegangen. Doch können Absendetermine und Inhalt zum größten Teil aus den Antworten Ludolfs erschlossen werden.

Wir bringen hier den einzigen erhaltenen Brief Franckes an Ludolf zum Abdruck (AFSt D 113, S. 153156). Er befindet sich als Abschrift in einem Kopierbuch, in dem eine Reihe wichtiger Briefe aus der Zeit von 1697 bis 1699 kopiert worden sind. Der Brief trägt weder Adresse noch Datum. Am Rande befindet sich von anderer Hand die NotizAn Heinr. Wilh. Ludolf. Es handelt sich wahrscheinlich um den von Ludolf als verloren gemeldeten Brief vom 13. Juli 1699 (vgl. AFSt D 71, fol. 45 a ). So erwähnt Francke z. B. in dem nachstehend abgedruckten Brief, daß er mit dem