A. H. Francke an die Missionare in Tranquebar
Halle, 15.10.1714 MAFSt I C 6:90 (Ausfertigung)
Die Gründung der Tranquebarmission erfolgte auf Anregung des dänischen Königs Friedrich IV. Durch Vermittlung seines Hofpredigers Dr. Lütkens und dessen Berliner Freunde, vor allem Joachim Langes, wurden Bartholomäus Ziegenbalg (1682—1719) und Heinrich Plütschau (1677—1746) für diese Arbeit gewonnen. Beide hatten in Halle studiert, Francke erfuhr jedoch von ihrem Vorhaben erst, als sie sich im Oktober 1705 bereits auf die Reise nach Kopenhagen begeben hatten. Er hat ihre Aussendung freudig begrüßt und ihre Arbeit tatkräftig unterstützt. Zwar blieb die äußere Leitung der Mission in Dänemark, aber Halle wurde zum eigentlichen Zentrum, von dem aus die Missionare in allen Schwierigkeiten Rat und Hilfe bekamen.
Zwischen Tranquebar und den Missionsfreunden in Deutschland entspann sich ein reger Briefverkehr. Die erste Veröffentlichung von Missionsbriefen aus Tranquebar unternahm Francke 1707 in der handschriftlich verbreiteten „Hallischen Korrespondenz“ (vgl. AFSt D 63 b ). 1708 ließ Joachim Lange Briefe der Tranquebarmissionare in Halle drucken: „Merkwürdige Nachricht aus Ostindien, welche zwei evangelischlutherische Prediger, nahmentlich Herr Bartholomäus Ziegenbalg und Herr Heinrich Plütscho... an einige Prediger und gute Freunde in Berlin überschrieben, von diesen zum Druck befördert“ (vgl. Fortsetzung der Merkwürdigen Nachricht, Halle 1709). Langes Veröffentlichung wurde von A. W. Böhme ins Englische übersetzt (1709, 1710 2 ) und weckte in England außerordentliches Interesse an der Missionsarbeit in Tranquebar. Nach der Übersiedlung Langes von Berlin nach Halle erschienen die Briefe und Berichte der Missionare ab 1710 in den „Halleschen Berichten“. Sie enthalten die wichtigsten Quellen, allerdings oft in zensierter und gekürzter Form. Weiteres Material aus den reichen Beständen des Missionsarchivs der Franckeschen Stiftungen bieten die Veröffentlichungen von W. Germann, Ziegenbalg und Plütschau. Die Gründungsjahre der Trankebarschen Mission, Bd. I/II, Erlangen 1868, und A. Lehmann, Alte Briefe aus Indien, Berlin 1957. Zur Geschichte der Tranquebarmission vgl. A. Lehmann, Es begann in Tranquebar, Berlin 1955, 1956 2 .
Wir bringen einen Brief aus der Anfangszeit der Mission, die durch heftige Auseinandersetzungen mit dem für Tranquebar verantwortlichen dänischen Kommandanten geprägt war. 1712 war Plütschau nach Europa zurückgekehrt, um von dort aus klare Verhältnisse in Tranquebar zu schaffen. Francke hatte seinerseits bereits mehrfach die Missionare um Zurückhaltung gegenüber dem Kommandanten gebeten. Der nachstehende Brief faßt sein Urteil über die Tätigkeit der Missionare besonders eindrucksvoll zusammen (vgl. Lehmann, a. a.O., S. 107ff., 120f.). Allerdings hatte sich zum Zeitpunkt seiner Abfassung die Situation in Tranquebar bereits grundlegend geändert. Da man dort keinen Erfolg der Bemühungen Plütschaus gespürt hatte, faßte Ziegenbalg im Oktober 1714 den Entschluß, selbst nach Europa zu gehen. Am 15. Oktober 1714, also am gleichen Tage, an dem Franckes Brief datiert ist, wurde zwischen dem Kommandanten, J. S. Hassius, und den Missionaren eine „Amnestie“ geschlossen, durch die alle früheren Streitigkeiten beendet werden sollten (MAFSt I C 6 : 91).
Ein Extrakt des nachstehend abgedruckten Briefes wurde bereits von Germann veröffentlicht (a.a.O., II, S.46f„ datiert vom 14. Oktober 1714; vgl. MAFSt I C : 87 und 88). Wir bieten den Text nach dem vollständigen Original MAFSt I G 6 :90. Die Handschrift trägt auf der ersten Seite links oben einen Vermerk von Chr. B. Michaelis,