3. Briefe
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der seit 1713 für den Briefverkehr mit den Missionaren verantwortlich war: „An die Missionarien. Halle den 15. Oct. 1714. über England“. Der Brief ist gefaltet und auf der Schlußseite gesiegelt und an einen Mons. Möhler adressiert. Wie aus einer anderen Aktennotiz hervorgeht, war ein Möhler bei der Korrespondenz mit Kopenhagen beteiligt (vgl. MAFSt I C 6: 97). Bei den gefährdeten Postverbindungen war es Brauch, die Briefe an die Missionare in mehrfacher Ausfertigung über England und Dänemark gehen zu lassen. Unsere Handschrift ist also wahrscheinlich eine Zweitausfertigung, die möglicherweise zur Kenntnisnahme über Kopenhagen gehen sollte.
(l a ) Meine hertzlichst geliebten Freunde und Brüder in dem Herrn,
Eurer Personen Werck u. Amt werden mir u. allen, die Gottes Ehre lieben u. in der Einfalt wandeln, immer werther u. angenehmer. Dieses aber mag nicht verhindern, daß wir euch nicht frey eröffnen solten, was andere in Europa von euch urthei- len, und zwar nicht rohe Weltkinder, noch alzu hochfliegende Geister, als welchen man wol nichts recht machen möchte; sondern solche, welche zum wenigsten scheinen ohne passionen von euch zu raisoniren. Sie meynen, ihr hattet wol einen Eyfer, aber es sey derselbige nicht weißlich gnug von Anfang moderiret worden. Würdet ihr, zu mal im Anfänge, nicht so eyfrig gewesen seyn, so würdet ihr mit dem Comman- danten wol beßer stehen; ihr wäret junge Leute, die dasigen Statum (l b ) damals nicht gewußt noch verstanden hätten, u. hättet euch eingebildet, daß euer character königl. Missionarii, dem Commandanten u. andern eine Furcht einjagen solte, wie es in Europa thun möchte. Ihr verließet euch zu viel auf die euch aus Europa versprochene Hülffe, dringet daher alzu sehr darauf bey dem Commandanten, hättet etwa gemeynet, der König von Dennemarck könte ihn wohl zwingen der Mission beyzu- stehen; hättet aber nicht gewußt, daß die gouverneurs in Ost-Indien selbst ge- dencken, daß sie kleine Könige seyn, daher, ie mehr ihr die Sache in Dennemarck wider den Commandanten treiben würdet, ie schlimmer würde es euch ergehen, es sey auch nun die Sache bereits zu weit getrieben, und zu lange gewartet, wenn man euch gleich den Rath geben wolte, euch in allen billigen Dingen zu submittif 2 a )ien u. mit Güte den Mann zu gewinnen. Dannenhero meynen sie, ihr hättet über all wohl zu erwägen, ob es auch rathsam sey, den Handel weiter zu Copenhagen zu urgiren, daß man nicht übel ärger mache; und hätte nun euch vielmehr zur Geduld und warten auf die Hülffe Gottes zu verweisen; euere Briefe wären allzu voll von der Königl. Hülffe, Königl. deciso und Ausschlage, woraus zu sehen, daß euer Gemüthe alzu sehr auf solche humana gerichtet sey; denn wenn 10 Außschläge kämen, so würdet ihr doch eben das seyn, da ihr vorher gewesen; es sey denn, daß Gott des Mannes Hertz umwende; daß der Commandant nur mehr irritiret werden dürffte, erhelle auch aus H. Berlins Schreiben, 1 dem er deutlich gesaget, er wolle sie verfolgen, und zwar eben, da er ihm das Königl. Prof2 , ' y )tectorium überreichet pp. 2 Ob ich nun wol keines weges dem allen schlechthin beyfall geben will, so kan ich doch nicht leugnen, daß ich in den ersten Jahren öfters gar sehr in meinem Hertzen gewünschet, daß man
1 Johannes Berlin (1686—1742), 1705 Student der Theologie in Halle, dann Lehrer im Waisenhaus. Er kam 1713 als Druckergehilfe und Lehrer nach Tranquebar. Nach seiner Rückkehr 1721 hielt er sich zunächst wieder in Glaucha auf und wurde 1738 Zuchthausprediger in Halle. Der von Francke erwähnte Brief ist in der vorhandenen Korrespondenz nicht nachweisbar.
2 Es handelt sich um die königliche Schutzschrift für die Druckerei (vgl. MAFSt I C 4: 36ff., 47f.; abgedruckt in: Hallesche Berichte I, 7, 1714, S.25f.).