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II. Schriften zur kirchlichen Reform

daß ihr euch inniglich darüber erfreuet / wenn sich der Sonntag / oder ein Fest-Tag herannahet / wie sich die Kinder freuen aujf ihren Vater / oder eine Braut auff ihren Bräutigam. Denn so 1 ehrets gewißlich die Erfahrung / wenn man eine rechte Liebe zu. (8) GOtt und seinem Worte hat / daß man sich darauff so hertzlich freuet / als sich immermehr ein Geitziger auff grosse Schätze freuen mag / wenn man das süsse lautere Wort GOttes hören und sich daran erqvicken soll. Darum ist der Sonntag denen Kindern GOttes keine Last / sondern ihre rechte Hertzens-Freude und Wonne / verrichten in den Werckel-Tagen ihr Werck / dazu sie GOTT beruffen hat / fleißig und freudig / und legens denn auch mit Freuden wieder aus den Händen / wenn ihr Hertz und Seele mit dem Worte GOttes kan gesättiget / gestärcket und erqvicket werden.

§. 6. So ihr nun auch eine solche Freude zu Sonn- und Fest-Tagen in euren Hertzen (9) habet / so wird euch auch dieses lieb und angenehm seyn / daß ihr öffentliche Gelegenheit habet / euch zu der rechten Heiligung solcher Tage zu bereiten. Denn da könnet ihr des Tages vorhero die ordentliche Betstunde in der Kirche besuchen / in welcher alles / was des nechst kommenden Tages wird vorgetragen werden auffs aller einfältigste / und kürtzlich vorgestellet wird / und zur rechten Heiligung des folgenden Tages / so wohl ins gemein / als auch absonderlich für die Communicanten eine Ermahnung geschiehet. Solches kan euch dazu dienen / daß eure Hertzen mit solchen guten Gedancken durch die Würckung des Heiligen Geistes vorher angefüllet werden / daß darnach GOttes (10) Wort / wenn es geprediget wird / einen guten und wohl bereiteten Acker bey euch findet / daß ihr es mit grösserer Lust und Süßigkeit annehmet / fester bewahret / und desto eher und reichlicher seine Früchte bringen lasset. So wird auch über dieses in solcher Betstunde GOTT für die Wohlthaten / welche Er in dem gantzen Leben / und absonderlich in der gantzen Woche erzeiget / hertzlich gedancket / und ferner demüthiglich angeruffen / daß Er selbst die Hertzen von den irdischen Gedancken und Anliegen befreyen / und Ihme wohl gefällig zu bereiten wolle / welches GOtt gefälligen Gebetes ihr des gantzen folgenden Tages gewiß wohl werdet zu gemessen haben / ich geschweige / daß auch (11) mit Christ­lichen Liedern das Hertz zur Heiligung des Sabbaths erwecket wird.

§. 7. Und da ist es denn auch billich / daß ihr euch auch in euren Häusern besonders zu der Heiligung der Sonn- und Fest-Tage bereitet / und wird solches auch ohnedem nicht aussen bleiben / so ihr eine hertzliche Freude an GOtt und seinem Worte habet: Ja es würde sich finden / daß sonderlich Hauß-Yäter und Hauß-Mütter des Sonn­abends oder heiligen Abends für einem Fest-Tage die Sachen im Hause fein bey guter Zeit in Ordnung brächten / und sich mit ihren Kindern und Gesinde fein er­munterten / und dieselbigen anmahneten / dem lieben GOTT den folgenden Tag recht zu sei(T2Jnen Ehren zu heiligen. Einige Christliche Hauß-Yäter haben diese Gewohnheit / daß sie selbst pflegen ihren Kindern und Gesinde / aus einer guten Postilla eine Predigt vorzulesen / wie auch der liebe Lutherus selbst seinem Hause geprediget hat / daher wir noch dem lieben GOTT für seine Hauß-Postilla zu dancken haben. 2 Das ist nun eine feine Christliche Gewohnheit / welcher wohl alle Hauß- Väter nachfolgen möchten / und auch in diesem Stücke zusehen / daß sie gut Luthe­risch wären. Darzu könte auch nur eine gar kleine und einfältige Ermahnung an die Kinder und das Gesinde / welche ja ein Hauß-Vater Macht oder vielmehr Befehl hat zu thun / vieles ausrichten / daß der (13) folgende Tag eifriger geheiliget würde.

2 Zur Bedeutung der Hauspostille für Francke vgl. Stahl, a.a.O., S.54. In der Vorrede Luthers findet sich der Hinweis, diese Predigten seienunterweilep in meinem hause gethan für mein gesinde (WA 52, 1).