1. Glauchisches Gedenkbüchlein, 1693
77
§. 8. Eine unChristliche und Heydnische Gewohnheit aber ist es / wann Hauß- Väter und Hauß-Mütter die Arbeit am Sonn-Abend und heiligen Abenden (wie leider sonderlich bey vielen Handwercks-Leuten im Gebrauch ist) am längsten biß in die Nacht hinein treiben / und dadurch sich und ihr Gesinde nicht allein von gehöriger Zubereitung zu des HErrn Tage abhalten / sondern auch sich und die Ihrigen ungeschickt und untüchtig machen / an dem folgenden Tage GOttes Wort mit rechter Andacht zu hören; Daher denn darnach / wenn sie ja noch zur Kirchen kommen / die Zeit mit schlaffen hinge/ 14) bracht wird. Das wird eine schwere Verantwortung für dem Gerichte GOttes mit sich bringen / ich geschweige / daß solches schon allen Seegen / den man in der Woche durch seiner Hände Arbeit erlanget / hinweg frisset / daß man nun denselben / da man ihn durchs Gebet verwahren solte / in einen löcherichten Beutel stecket / und an statt des Seegens den Fluch empfähet.
§. 9. Noch schändlicher aber ist es / wenn auch gar in Schencken und Bier-Häusern Sauff-Gelage (wiewohl das Sauffen niemahls recht ist / sondern von dem Apostel unter die Todt-Sünden gezehlet wird / (a) deren sich die Wirthe auch theilhafftig machen) biß in den späten Abend verstattet wer (15) den /welches gewiß nicht anders kan als allen Fluch über ein solches Hauß bringen / ja über eine gantze Gemeine / wo dergleichen im Schwange gehet.
§. 10. Wie süsse und lieblich würde es aber seyn / meine lieben Pfarr-Kinder / wenn die gantze Gemeine sich des Tages vorhero so fein in guter Christlicher Ordnung zu dem Ruhe-Tag des HErrn schickete / und sich auch ein ieder in seinen Abend-Gebet dazu sonderlich dem HErrn anbeföhle / daß Er ihm sein Wort mit Nutz und Frucht des folgenden Tages wolle hören lassen. Es muß aber keiner darauff warten / biß es alle also machen / sondern wie ein ieder vor sich und sein Hauß dem HErrn wird Rechenschafft ge(16)ben müssen / also solte ein ieder auch gerne zuerst den Anfang machen. Ich bin aber dessen zu euch in guter Zuversicht / daß es wohl einige so bereits also halten / und noch andere auch mit Lust und zu allen Wohlgefallen GOttes noch folgen werden.
§. 11. Wenn nun eine solche Vorbereitung / des vorhergehenden Tages geschehen / so freuet sich denn der Mensch / wenn er des Sonntages früh erwachet / desto hertz- licher / daß er nun zu der süssen Weide des Wortes GOttes / und zu den Brunnen des lebendigen Wassers solle geleitet werden / daß er denn wohl mit David sagen mag / (b) Wie lieblich sind deine Wohnungen / HErr Zebaoth / meine Seele verlanget und sehnet sich nach (17) den Vorhöffen des HErrn / mein Leib und Seele freuet sich in dem Lebendigen GOTT / etc. Und (c) wie der Hirsch schreyet nach frischen Wasser / so schreyet meine Seele / GOtt / zu dir. Meine Seele dürstet nach GOTT / nach dem lebendigen GOTT / wenn werde ich dahin kommen / daß ich GOttes Angesicht schaue.
§. 12. Ja wie der Sonntag als der erste Tag in der Wochen / an welchen der HERR JEsus von den Todten aufferstanden / zum Gedächtniß solcher seiner Aufferstehung geheiliget ist: Also verneuret sich gleichsam bey einem gläubigen Kinde GOttes die Krafft der Aufferstehung Christi / wenn er bey anbrechenden Sonntage (18) die Kräffte des inwendigen Menschen / durch die Ermunterung seines Glaubens und seiner Liebe zu dem aufferstandenen JESU samlet und vereiniget / an demselbigen gantzen Tage in der Liebe und in dem Lobe GOttes seinen Sabbath und frölichen Ruhe-Tag zu halten.
(a) Gal. V, v. 21.
(b) Ps. LXXXIV, v. 2.3. (c) Ps. XLII, v. 2.3.