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II. Schriften zur kirchlichen Reform
§. 13. Da bethet sichs denn mit Freuden / nicht aus der blossen Gewohnheit / sondern von Hertzens Grunde / indem man GOtt dafür dancket und preiset / daß Er nun die vorigen sechs Tage wieder überwinden hclffen / und auffs neue den Ruhe- Tag / als einen Yorschmack der ewigen Ruhe habe erleben lassen.
Sehet / liebe Pfarr-Kinder / wenn eure Hertzen also be(19) schaffen sind /so werdet ihr keinen Tag mit grösseren Freuden erleben / als die Sonn und Fest-Tage / nicht um weltlicher Freude willen / sondern von wegen der Güte GOttes / welche an solchen Tagen sich fürnehmlich über euch ausbreitet.
§. 14. Und da werdet ihr denn mit Hertzens-Lust für allen Dingen zum Gebeth eilen / und euch damit auff den gantzen Tag verwahren / daß der Teuffel keine Macht an euch habe / euren Ruhe-Tag zu stören. Wenn aber eure Hertzen noch mit vielen irdischen Gedancken und Sorgen der Nahrung / beschweret sind / oder auff irdischer Wollust / die ihr des Tages haben woltet / eure Gedancken richtet / oder noch mit dem Hertzen / ja wohl auch dazu (20) mit den Händen des Sonntages frühe noch an der Hand Arbeit klebet / so ist es denn kein Wunder / daß der Sonntag / der so übel angefangen / zu einem Sünden-Tage wird. Darumb gedencket doch allezeit daran / wessen ich euch hiemit erinnere / daß ihr den Tag des HErrn wohl anfanget /und glaubet nur / daß man solches guten Anfanges des gantzen Tages über zu gemessen habe.
§. 15. Es ist eine an sich selbst nicht sündliche Gewohnheit / daß man sich des Sonntages mit reinem Zeuge ankleidet / ein weiß Hembde anziehet / und was sonsten zu dergleichen Reinligkeit für den Leuten dienet. Das pfleget die Welt nun auffs schändlichste zu mißbrauchen / und nimmt daher Gele /21 Jgenheit / an dem Sonntage allen Pracht und Hoffart zu treiben. Daher denn dieses auch ihre erste Sonntags-Gedancken sind / wie sie sich fein zierlich und wohl ausputzen wollen / ja / wenn sie darnach zur Kirchen kommen / da sie GOttes Wort hören solten / gaffen sie darnach / was andere für Kleider und Hoffart anhaben / darüber sie denn GOTTES Wort weder recht hören / noch zu Hertzen fassen / und wenn sie nach Hause kommen / ihre Reden davon führen / was diese oder jene angehabt / schelten und urtheilen denn immer eines das andere. Und das soll denn der Sonntägliche Gottes-Dienst seyn. Was aber rechte Kinder GOTTES sind / die lieben zwar äusserliche Reinlichkeit / aber (22) hassen beydes / den äusserlichen und innerlichen Hoffart / als den Teuffel selbst / und dencken nicht wie die heuchlerische Welt: Ich habe dennoch Christum im Hertzen / wenn ich gleich diß und das an meinem Leibe trage ; Sondern wissen vielmehr / und erkennen in der Wahrheit / daß die äusserliche Teuffels-Larve dem im Hertzen wohnenden Christo gar nicht anstehen könne. Hingegen aber sind wahre Kinder GOttes mit allen Sinnen und Gedancken ihres Hertzens beschäfftiget / und bekümmert um den inwendigen Schmuck des verborgenen Menschen des Hertzens / welches ist ein stiller und sanffter Geist in dem unvergänglichen Wesen köstlich für GOtt. (d) Und da hebet (23) gewiß eins das ander auff. Wer umb den äusserlichen Schmuck bekümmert ist / und daran Wolgefallen hat / der suchet nicht von Hertzen den innerlichen; Und wer den innerlichen recht von Hertzen suchet / fraget nicht viel nach dem äusserlichen / weil eine solche Seele wohl weiß / daß sie in den äusserlichen leichtlich ihrem Mann / das ist / dem HErrn Christo gefallen werde. So weiß ihm aber ein gläubiges Hertz die äusserliche Reinlichkeit besser zu Nutz zu machen / daß es gedencket / solt ich meinen sterblichen Leib allein mit einem weissen Hembde bekleiden / und solte nicht vielmehr auch meine unsterbliche Seele mit reiner und schöner
(d) 1. Pet. III, v. 4.