1. Glauchisches Gedenkbüchlein, 1693

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Seiden / welches ist die Gerechtigkeit der Heiligen (e) zie(24)ren und schmücken? Solte ich reinliche Kleider an meinen verweßlichen Leib legen / und nicht vielmehr darnach trachten / den inwendigen Menschen mit geistlichen Tugenden zu bekleiden / und solche meine Kleider zu waschen und hell zu machen im Blut des Lammes. (£) Sölten mir die vergänglichen Kleider / welche ja balde veralten / und zu verächtlichen Lumpen werden müssen / wohl gefallen / und solte nicht vielmehr sich das innerste meines Hertzens erfreuen / daß sich an dem heutigen Tage mein Bräutigam in seinen Kleidern / (nehmlich in dem Wort und den heiligen Sacramenten / darinnen Er sich gleichsam eingewickelt) welche sind eitel Myrrhen / Aloes und Ke(25)zia / wenn er aus den Elffenbeinen Pallästen daher tritt in seiner schönen Pracht / (g) von mir als seiner Braut will sehen und erkennen lassen? Solche seine Kleider sollen meine Freude und Wonne seyn / wenn ich den Geruch des Lebens zum Lehen daraus mercken und empfinden werde. Seines Kleides Saum will ich heute anrühren / so werde ich gesund werden an meiner Seelen. Sehet / auff solche Art mag wol den Rei­nen alles rein seyn. Wenn ihr nun / lieben Pfarr-Kinder / doch alle miteinander solche Hertzen haben möchtet / wie würdet ihr an dem Sonntag frisch und mit Freuden wallen zu dem Hause des HERRN?

(26) §. 16. Haltets nun aber dagegen / welch ein Greuel es vor GOTT und den Heiligen seyn müsse / wenn die Hertzen / welche also voll Heil. Geistes seyn / und als rechte Tempel GOttes in den Tempel kommen solten / an dessen Statt so irdisch und viehisch / gleich wie sonsten also auch am Sonntag gesinnet sind / daß sie sich wohl vor der Predigt mehr umb einen Trunck Brantwein bekümmern. Denn das ist ja schändlich zu sagen / daß solcher Gebrauch so weit eingerissen ist / daß gar viele gleichsam meynen / sie können nicht zur Kirchen gehen / wenn sie nicht vorher Brantewein getruncken haben: Damit sie denn zwar ihnen fürnehmlich selbst scha­den / daß (27) sie hernach in der Predigt entweder bald einschlaffen / oder doch mit rechter Aufmercksamkeit zuzuhören / und das angehörte Wort im Hertzen zu be­wahren / untüchtig und ungeschickt sind / aber auch anderen beschwerlich fallen / indem solcher Geruch einen Menschen / der noch nüchtern ist / offters fast unleidlich ist. Das ist gewiß ein rechter Teufflischer Gebrauch bey Männern und Weibern / und können solche Leute gewiß glauben / so lange sie diesen Gebrauch nicht abschaffen / daß sie aus der Predigt keinen Nutzen haben werden / sondern der Teuffel alle mahl sein gewonnen Spiel haben werde. Darum meidet doch solches / so ihr nicht eine solche liederliche (28) Gewohnheit höher achtet / und mehr liebet / als Seel und Seeligkeit. Es scheinet ja wohl ein geringes zu seyn / daran nicht eben viel gelegen sey. Aber bedenckets selbst / was soll der Prediger ausrichten / wenn er stehet und predigt mit allem Ernst / und die Zuhörer haben ihnen den Kopf mit Brantwein thumm gemacht. Wolte man nur etwas vor das nüchtern / wie man es nennet / nehmen / so könte es ja wohl auff andere Art geschehen / daß nicht unsere und andere Sonntages-Andacht dadurch gehindert würde / und könte ein Bissen Brods schon dazu dienen.

§. 17. Nun ist noch ein schändlicher Gebrauch / welcher eben aus der Schläffrigkeit und (29) Trägheit im Christenthum herrühret / daß die allerwenigsten sich befleißi­gen / oder darauff bedacht seyn / daß sie sich zu rechter Zeit in der Kirchen / wenn

(e) Offenb. Joh. XIX, v. 18. 3 (f) c. VII, v. 14.

(g) Ps. XLV, v. 9.

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3 Offb.19,8.