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II. Schriften zur kirchlichen Reform

der Gottesdienst angehoben wird / einfinden / sondern zum Theil etwa wenn der Glaube gesungen wird / zum Theil auch wohl / wenn schon gepredigt wird / herzu kommen. Gewiß zeiget solches an / daß solche Menschen das Kirchen gehen nur aus blosser Gewohnheit / und als ein äusserliches Gesetz mit machen / nicht aber aus Anregen des Heiligen Geistes / wie der alte Simeon (h) in den Tempel kommen.

§. 18. O wie lieblich würde es seyn für GOtt und unsern HErrn JEsu Christo / und für (30) allen heiligen Engeln / wenn eine Christliche Gemeine in völliger Versam- lung / das Kyrie: O Vater / allmächtiger GOtt! zu dir schreyen wir in der Noth / etc. mit einander anstimmeten / und darauff das Gloria in excelsis DEO, oder: Ehre sey GOtt in der Höhe dem Prediger in ihrem Hertzen nachsüngen / und sich also mit Hertz / Sinn und Muth ins gesamt zu GOTT empor Schwüngen! Da würde es denn ohne Zweiffel mit einem lieblichen Echo in den Hertzen wieder zurücke schallen / daß sie die Ehre / Macht und Herrligkeit des grossen GOttes im Glauben mit Freuden erblicketen. Bedencket doch dieses / meine allerliebste Pfarr-Kinder / und (31) sehet doch zu / daß ihr solcher alten bösen Gewohnheit abhelffet / und glaube nur ein ieder / wenn zum Gottes-Dienst geläutet wird / daß ihn da sein eigenes Hertz / wenn er eine rechte Liebe zu GOTT und seinem Wort hätte / gar bald erwecken würde / zur Kirchen zu eilen. Was soll ich wohl gedencken / wenn ich frühe vor dem Altar meine Hände ausbreite / und gleichsam über die Gemeine zusammen schlage / und an­stimme : Der HERR sey mit euch / und sehe doch fast nichts vor mir / als Stüle und Bäncke. Da beraubet ihr euch ja selbst solches herrlichen Wunsches und Seegens / und wollet desselbigen nicht. Was aber auch hierinnen euch sonderlich für dem Ge(32) richte GOttes schwer fallen wird / ist / daß ihr eure Kinder damit ärgert / denn wie ihr es von euren Eltern gesehen habt / so sehens nun eure Kinder wieder von euch / und wird also eine solche böse Gewohnheit von Kind zu Kindes-Kindern fortgepflantzet. Gedencket an das Wort des HErrn / (i) Wehe denen Menschen / der diesen Geringsten einen ärgert! Es kommt solches ohne Zweiffel auch daher / weil die wenigsten die rechte Krafft der geistlichen Lieder und des rechten andächtigen Singens verstehen oder empfinden / daher sie sich auch wenig darnach sehnen / mit der gantzen Gemeine ein und den andern Christlichen Gesang zu singen: Re(33 Jdencket nur einmahl das Lied. Allein GOtt in der Höh sey Ehr / etc. 4 welche Krafft in denselben stecke / und wie alle Worte voll Licht und Leben / Trost und Süßigkeit stecken: So könten nun eure Hertzen durch dieses und andere Lieder / welche insonderheit auff das vorhabende Evangelium oder Text pflegen gerichtet zu werden / sich auffmun- tern / erfreuen / erqvicken / stärcken und trösten / dessen allen ihr euch beraubet / wenn ihr so langsam zum Gottes-Dienst kommet. Glaublich ist es / daß die lieben Alten 5 werden darauff gesehen haben / wenn sie den Gottes-Dienst also angeordnet / daß vor der Predigt ein oder wohl etliche Lieder gesungen oder musiciret werden / damit (34) dadurch die Hertzen desto besser sich zu GOtt empor schwingen / und also zur Anhörung und freudigen Annehmung des Göttlichen Wortes desto ge­schickter werden möchten. Und diese Würckung und Krafft / hat es auch würcklich bey den jenigen / welche die Lieder nach Pauli Ermahnung dem HErrn in ihrem

(h) Luc. II, v. 27. (i) Matth. XIIX, v. 6.

4 Ygl. EKG 131.

5 Francke beruft sich vielfach auf dielieben Alten, die alte Kirche usw. Eine Verifizierung

solcher Hinweise ist schwierig. Seine Kenntnisse über die Geschichte der alten Kirche beruhen z. T. auf den Vorlesungen seines Lehrers Kortholt (vgl. vorl. Ausg., S. 12) sowie auf den Schriften Caves und Arnolds (vgl. vorl. Ausg., S. 100). "