1. Glauchisches Gedenkbüchlein, 1693
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Hertzen (k) singen und spielen / oder mit rechter hertzlicher Andacht alle Worte als ein Lob- und Danck-Opffer für GOtt bringen. Wo man aber bey dem singen keine rechte Andacht hat / sondern nur die Worte mit nachschreyet / da ist es nichts als ein schändliches Geplärr / damit GOTT nur verspottet und nicht geehret wird.
(35) §. 19. Es ist auch nicht vergebens angeordnet / daß vor der Predigt eine Collecte oder Gebet zusambt der Epistolischen Lection und dem Evangelio abgesungen wird / sondern hat die Meynung / daß die gantze Gemeine dadurch auffgemuntert werden soll / auff das Wort GOttes Hertz und Sinnen zurichten / und sich zu Anhörung der Erklärungen / so in denen nachfolgenden Predigten geschehen / zu bereiten / da denn mehrentheils zwischen der Epistolischen Lection und dem Evangelio eine liebliche Übereinstimmung der darinnen enthaltenen Sachen ist / daß dadurch die Andacht gar fein erwecket und vermehret werden kan. So nun eure Hertzen recht geartet (36) seynd / so werdet ihr nicht allein den äusserlichen Schall dessen / was abgesungen wird / anhören / sondern auch solches mit desto grösserer Andacht / als ein allgemeines Gebeth und kräfftige Erweckung annehmen. Denn ie mehr ein wahres Kind GOttes das Wort GOttes höret und treibet / ie mehr Freude und Süßigkeit findet es in demselbigen. Ein kaltes und glaubloses Hertz aber thut alles / entweder mit Verdruß / oder doch ohne Krafft und hertzlicher Liebe. Daher es auch so wenige für nöthig achten / deswegen zur Kirchen zu eilen / daß sie dem jenigen / was vor dem Altar vorgehet / und nicht ohne grossem Eifer und Andacht der gantzen Gemeine soll angehöret wer/37/den / mit beywohnen möchten.
§. 20. Und so gehet es auch mit dem Christlichen Glauben / wenn solcher gesungen wird / daß etliche noch gar nicht zu gegen sind / und viele / die zu gegen sind / nur die Worte / wie sie solche fertig genug von Kindheit auff gelernet / nachschreyen / den grossen Nachdruck aber / und die sonderbahre Krafft / welche in allen Worten des- selbigen schönen Gesanges stecket / wenig zu Hertzen nehmen / und berauben sich damit / so vieler herrlichen Lehre / Trost /Ermahnung / und alles trefflichen Nutzens / welchen sie zu ieder Zeit auffs neue daraus schöpfen könten / zur grossen Stärckung und Befestigung ihrer Seelen im (38) Glauben und Vertrauen auff GOtt / und in der Treue gegen denselbigen. Daher kommets denn auch / und ist gar kein Wunder / daß die Menschen in ihrem Leben solche ihre öffentliche Glaubens-Bekäntnisse so wenig beweisen / daß sie vielmehr das Gegentheil beydes reden und thun. 0 stimmete eine gantze Gemeine so wohl mit dem Hertzen / als mit dem Munde also einmüthiglich ihr wahrhafftiges Glaubens-Bekäntniß mit einander an / zu welcher Freude und Trost in GOtt könten sie sich nicht unter einander erwecken / und welch ein lieblicher Gesang wäre solches für den heiligen Engeln / (welche das Heilig / Heilig / Heilig ist GOtt der HErr (39) Zebaoth / 6 ohne unterlaß einander entgegen singen.) Wenn die Menschen nun also auff Erden aus der Wahrheit mit einstimmeten: Wir / wir / wir / wir glauben all an einen GOTT / Schöpffer Himmels und der Erden / der sich zum Vater gegeben hat / daß wir seine Kinder werden . 7 0 sehet doch / lieben Pfarr-Kinder / welche eine Liebe hat uns GOtt erzeiget / daß wir seine Kinder heissen / Kinder des lebendigen GOttes / Kinder des ewigen GOttes / der Himmel und Erde / und alles was drinnen ist / geschaffen hat; O singet / singet doch den Glauben hinfort mit rechter Andacht! Sind die ersten Worte so süß und lieblich / und so voll Trostes / (40) was
(k) Col. III, v. 16.
6 Vgl. Jes.6,3.
7 Vgl. EKG 132.