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II. Schriften zur kirchlichen Reform

will nicht vor Krafft und Stärckung in dem gantzen Gesänge stecken. Sehet nun doch recht zu / und bedencket wohl / alle diese Stücke / die vor der Predigt hergehen / wie wenig werden sie geachtet und betrachtet; Es hat wohl das Ansehen / daß wohl viele nicht höher davon halten / als sey es nur dafür / daß man mitler Weile etwas zu thun habe / ehe die Predigt angehet. Daher auch / ob sich einer auch noch ein wenig schämet / wenn er zu spät in die Predigt kommet / so schämet sich doch gar niemand / weder für GOtt / noch für Menschen / wenn er gleich von dem / was vor der Predigt hergehet / auch wohl muthwillig etwas versäumet hat. Pfui des laulichten Wef 41)sens in unserm Gottes-Dienst! Solte ein Yolck nicht eifriger seyn seinem GOtt zu dienen / ein Yolck das den grossen und lebendigen GOTT dienet / der ein verzehrendes Feuer ist allen Gottlosen / und eine ewige Flamme der Liebe und des Erbarmens aller die Ihn fürchten und liehen.

§. 21. Wenn nun die Predigt angehet / so solten da billich alle Hertzen der Zuhörer zugleich mit dem Prediger zu dem Himmlischen Vater / von dem alle gute Gabe kommet / gerichtet seyn / daß / wie ein rechtschaffener Prediger sich und seine Zu­hörer / seinen Mund und ihre Hertzen in die Hand GOttes ergiebet / und seiner Gnade anbefiehlet / (42) also auch alle und iede Zuhörer / sich selbst und den Prediger mit innig­lichen Seuftzen und Flehen GOtt empfehlen solten. Dahin ist es denn auch gemeynet / daß gleich die erste Anrede des Predigers an die Gemeine ein Seegensvoller Wunsch zu seyn pfleget / als die Gnade unsers HERRN JESU Christi / die Liebe GOttes und die Gemeinschafft des Heiligen Geistes sey mit euch allen! s Welches man ja nicht als blosse äusserliche Worte / und Ceremonien ansehen soll / sondern da sollen billich Christliche Zuhörer ein gläubiges Amen in ihren Hertzen nachsprechen / und sich dadurch gleichsam in den völligen Besitz solches angewünschten Guts setzen.

(43) §.22. Wenn nun ferner nach einer kurtzen Ansprache die gantze Gemeine zu einem andächtigen Gebet und Vater Unser um Hülffe und Beystand des Heiligen Geistes im Lehren und Zuhören erwecket und aufgemuntert wird / so wird sich gewiß be­finden / wo anders der Mensch eine wahrhaffte Liebe zum Worte GOttes hat / daß da sein Hertz um solche geistliche Weide GOtt den HErrn mit rechtem Ernst an­flehen wird. Hingegen / wo man nur aus Gewohnheit in die Kirche getreten ist / da hält man auch nur solches Vater Unser beten / als eine alte Gewohnheit / und ist weder um den Prediger / daß er in der Krafft GOttes predige / noch um sich (44) selbst / das man es mit Nutzen und Frucht anhören möge / bekümmert. 0 wie solte das in die Wolcken dringen / und durch alle Hindernisse des Satans hindurch brechen / wenn eine gantze Gemeine aus rechtem wahrhafftigen Grunde ihrer Seelen GOtt um Geist und Krafft zum Worte anriefen! Hörete GOTT das Seufftzen des einigen Mosis / daß sein Väterliches Hertze ausbrach: Was schreyest du zu mir / (1) da er doch kein Wort geredet. Wie solte nicht die stille Andacht einer betenden gantzen Gemeine für den Ohren des liebreichen GOttes ein durchdringendes Geschrey seyn / allen Reichthum und Überfluß der Himmlischen Güter und Gaben von (45) GOtt zu erbitten! Es muß aber keiner darauff warten / biß die gantze Gemeine zugleich mit Andacht betet / sondern ein ieder sehe auff sich selbsten; GOTT aber / der die Seinen / wie ein leiblicher Vater unter vielen andern seine Kinder kennet / wird auch derer wenigen ihr ernstliches Gebet nicht unerhöret lassen.

§. 23. Ohne Zweiffel ist um des willen / weil die Menschen so gar hart zur wahren

(1) 2. Buch Mos. XIV, v. 15.

*v-

8 Vgl. 2. Kor. 13,13.