1. Glauchisches Gedenkbüchlein, 1693
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Andacht zu bewegen sind / angeordnet / daß ein Christlicher Gesang / als bey uns: Nun bitten wir den Heil. Geist / etc. 9 Oder auff den hohen Festen und Buß-Tagen ein anders gesungen wird / zu desto mehrer Erweckung der Andacht. Da ha(46)bet ihr nun wohl Zusehen / daß ihr solches nicht auch als eine blosse äusserliche Gewohnheit ansehet / sondern daß ihr solchen Gesang mit wahrer Hertzens-Andacht und Erhebung zu GOTT mit einander singet. So ist denn auch gewiß zu erwarten / daß der rechte Zweck / warum solcher Gesang gesungen wird / zur Gnüge wird erhalten / und also dadurch das Gebet des Vater Unsers recht entzündet und brünstig gemachet werden.
§. 24. In der Predigt hat der Eingang / so dergleichen gemachet wird / diese heilsame Absicht / daß dadurch der Weg gleichsam gebahnet wird / zu der folgenden Predigt / die Sache / so vorgetragen werden soll / desto deutlicher und klarer zu \er(47) nehmen; Derowegen sollen auch Christliche Zuhörer da recht auffmercksam seyn / damit sie desto besser zu Hertzen fassen / was vor eine Sache in der gegenwärtigen Predigt vorgetragen werden solle.
§. 25. Eine feine Gewohnheit ists / daß solche vorhabende Sache pfleget deutlich und in wenig Worten / auch wohl zugleich mit der Abtheilung in gewisse Stücke / so nacheinander ordentlich zu betrachten / fürgestellet zu werden. Euch / meine liebe Pfarr- Kinder / kan ich dessen gewiß versichern / daß ich euch niemahls eine Sache vortrage / welche ich nicht erstlich vorhero wohl geprüfet / und erkant / daß sie euch nützlich / und sonderlich eurem Zustande nach (48) recht erbaulich seyn werde; Zum andern also beschaffen sey / daß es entweder eine rechte Glaubens-Lehre / oder ein solches Stück des Christenthums in sich begreiffe / daraus auch ein ieder sich genugsam erbauen könne / und so er nur ein wenig Göttliche Dinge liebet / ein Verlangen haben würde / davon etwas reden zu hören; Zum dritten / daß dieselbe in so klaren und deutlichen Worten / und so einfältiglich möge abgefasset werden / daß ein ieder es leicht fassen und verstehen könne / wovon solle gehandelt werden; Und eine solche Bewandniß hat es denn auch mit der Abtheilung der gantzen Predigt in gewisse Stücke: Welches ich um deßwillen er(49)innere / daß ihr auf solchen Vortrag desto auffmercksamer werden möget / weil ich euch da nicht grosse Kunst und menschliche Weißheit predige / sondern das einfältigste / so mir müglich ist / damit ihr von allen Dingen / die zu eurer Seeligkeit gehören / gründlich unterrichtet werdet.
§. 26. In der Anhörung der Predigt selbst ereignen sich bey denen / die nicht aus Liebe zum Worte GOttes / sondern aus blosser Gewohnheit zur Kirchen kommen / fürnehmlich zwey Laster / daß sie entweder schlaffen / oder mit ihrem Nachbar plaudern. Sehet zu / lieben Pfarr-Kinder / daß es doch nicht von nöthen sey / euch in so gar groben und schändlichen Dingen zu erinnern. Zwar (50) was das Schlaffen betrifft / pfleget solches entweder daher zu rühren / daß man des vorigen Tages vor der häußlichen Arbeit nicht zeitig genug Feyerabend gemachet / und daher der Leib noch ermüdet ist / und das ist noch die ehrlichste Ursache / die kaum iemand vor Sünde erkennen wil; Sondern es rühret daher / daß man vor der Predigt / wie oben gedacht / Brantewein / oder dergleichen starckes Geträncke zu sich genommen / damit das Haupt über die masse beschweret / und der Mensch denn fein sänfftiglich in den Schlaff (ach daß es nur nicht den ewigen Todes-Schlaff bedeuten möchte!) geprediget wird; Oder so es Nachmittags-Predigten sind / haben sich auch (51) wohl einige mit der Speise so dicke angefüllet / daß / absonderlich im Sommer nur eine
9 Vgl. EKG 99.