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II. Schriften zur kirchlichen Reform

kleine Wärme darzu kommen darf / so können sie sich des Schlaffs nicht erwehren; Es gedencke aber ja ein ieder / wenn ihm Gottes Wort so geringe ist / daß er dabey so sicher schlaffen kan / oder gar zum Schlaff durch unzeitige Arbeit / starckes Getränck / oder Uberfüllung mit Speise / muthwillige Gelegenheit giebet / daß ihme nicht GOtt / sondern der Teuffel selbst die Augen zudrucket: Denn so darff er das Wort nicht erst aus den Hertzen reissen / sondern nimmt es bald vor den Ohren und äusser- lichen Sinnen hinweg / und gehet einem solchen Menschen eben / als wenn einem Schlaff 52) fenden eine sehr frölige Bothschafft gebracht würde. Denn also verschlaf- fen auch solche Menschen / wenn Gottes Wort geprediget wird / Seel und Seeligkeit. Durch das Plaudern pfleget der Teuffel noch mehr zu gewinnen. Denn da wird erstlich der / der das Geschwätz anhebet / zum andern der / mit welchen er plaudert / und zum dritten / die bey solchen Plauderern sitzen oder stehen / von dem Gehör des Worts abgehalten / ich geschweige / daß zum vierdten so viele / die solches sehen / dadurch schändlich geärgert werden. Zwar ist es kein Wunder / weil ja die Menschen ihr Leben gemeiniglich führen / als sey kein GOTT / der alles sehe und höre / was wir (53) reden und thun / daß denn endlich solche Frechheit in der Kirche sich nicht bergen kan / da es doch heissen solte: Höret ihr Himmel / und Erde nimm zu Ohren / denn der HErr redet, (m)

§. 27. Bey denen / die weder schlaffen noch plaudern suchet dennoch Fleisch und Blut / und der leidige Satan allerley Verhinderungen an der wahren Andacht zu erwecken / balde indem es dem Menschen wil zu verdrießlich werden / beständig und von Anfang biß zu Ende die Predigt anzuhören / wodurch denn geschiehet / daß der Mensch keinen rechten Begriff von der Göttlichen Lehre krieget / sondern hie und da ein Wort davon höret / und doch (54) nicht weiß / wohin es sich beziehet / oder wie ers zu Nutz anwenden soll / ja wohl gar solches gantz unrecht verstehet / wodurch denn auch leichtlich allerley Lästerungen erreget und verursachet werden. Bald kommen den Menschen die Hauß-Nahrungs-Sorgen / oder andere irdische Gedancken in den Sinn / welche denn das Gemüth so mächtig einnehmen / daß der Mensch gleichsam wider seinen Willen von aller Andacht weggerissen wird / und denn das Göttliche Wort / wenn es mitten unter solche Dornen gesäet ist / von denselben gantz ersticket wird / daß es keine Frucht bringet. Bald wird der Mensch gereitzet mit seinen Gedancken in der Kirchen (55) herumzuflattern / und auff diesen oder jenen zu sehen / da denn mitler Weile der Teuffel Gelegenheit hat / das gepredigte Wort von dem Hertzen hinweg zu stehlen / oder wenn ja der Mensch seine Gedancken zusammen hält / und der gantzen Predigt zuhöret / fället er doch leichtlich wieder in einen andern Strick / der ihme ja so gefährlich ist / daß er alles / was er höret / nicht auff sich selbst / sondern auff andere appliciret und deutet / daß er gedencket : Das gehet da oder da auff / das trifft den; Wenn doch dieser oder jener zugegen wäre / der würde eins kriegen. Und dieses ist ein rechter gifftiger Streich des Satans / dadurch er den Menschen (56) alles Nutzens und wahren Frucht des Göttlichen Worts nicht allein beraubet / sondern ihn auch in seinem Phariseischen Hoffart stärcket / daß er sich Selbsten vor fromm hält / und die andern verachtet / und dazu in die schreckliche Sünde des richtens / urtheilens / und affterredens hinein stürtzet / und ist eben dieses zu bejammern / daß fast nichts gemeiners ist / als eben dieses Laster / dafür man sich doch am allermeisten hüten solte.

(268) §. 101. Zu der ordentlichen Wochen-Predigt ist bey uns der Freytag ge- setzet. Dabey nun habe ich euch / liebe Pfarr-Kinder zu erinnern / (1) daß ihr ja

(m) Esa. I, v. 2.