1. Glauchisches Gedenkbüchlein, 1693

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nicht gedenclcen sollet / es sey nur vor den Prediger gesetzet / daß er seine Predigt ablegen solle / sondern / daß es eben so wohl für die Gemeine gesetzet sey / daß sie das Wort GOttes an demselbigen Tage hören sollen. Denn Prediger und Zuhörer gehören zusammen. Was solte man predigen ohne Zuhörer? Oder was solte man zuhören ohne Prediger? Da ihr mich nun also vor euren ordentlichen Prediger erkennet / und von mir mit allem Rechte fodert / daß ich euch (269) alle Freytage predigen solle; So fodere ich auch von euch mit allem Rechte / daß ihr mir an demselbigen Tage zuhören sollet. Und wie ihr mit mir übel zufrieden seyn würdet / wenn ich des Freytages nach meinem eigenen Gutdüncken die Predigt halten / oder gar einstellen wolle; Also gefällt es mir und GOtt / in dessen Nahmen ich predige / auch übel / wenn ihr solche ordentliche Freytags-Predigt nach eurem Gefallen in den Wind schlaget. Ihr kommet aber hin­ein / oder kommet nicht hinein / so wisset und glaubet gewiß / daß der HErr von einen ieglichen Wort / so Er EUCH / EUCH hat predigen lassen / ihr aber zu hören (270) nicht begehret habt / dermahleins gedoppelte Rechenschafft fodern wird. Ich lege hiemit niemanden eine Last auff den Hals / sondern straffe / wie billig ist / die freche Verachtung des Göttlichen Worts / da man entweder aus Faulheit / oder aus Geitz / oder aus grober Fleischlicher Sicherheit und Nachläßigkeit / oder aus andern dergleichen Ursachen / die Zeit so liederlich versäumet / da man zu seinem ewigen Heyl erbauet werden könte. In deren Hertzen aber die Liebe des HErren JESU / und des Worts der Wahrheit wohnet / denen ist dieses gar keine Last; Sondern ist ihnen vielmehr eine schwere Bürde / wenn sie wissen / daß das Wort von ihrer See /271 Jlig- keit geprediget wird / und sie wider ihren Willen / und ohne ihre Schuld von der Anhörung desselbigen abgehalten werden. Sie seufftzen wohl darunter zu GOTT / bitten / daß er ihnen solches nicht zurechnen wolle / und werden durch solche Ab­haltung immer brünstiger in ihrem Verlangen nach der süssen Milch des Evangelii.

§. 102. (2) In dem vorigen Kirchen-Jahre habe ich des Freytages von der Kinder- Zucht geprediget / 10 dieweil ich erkant / daß in diesem Stücke ein sehr grosser Mangel überall erfunden werde / und daß von den Kindern und deren guter Aufferziehung der Anfangmüsse gemachet werden / wennman etwas gutes pflantzen und ( 272jbauen wolle; Ja auch umb des willen / weil mir die lieben Kinder sehr zu Hertzen gehen / wenn ich sehe / daß ihre zarten Hertzen / die durch gute Aufferziehung zum Guten so leicht möchten gezogen werden / in der bösen Aufferziehung unvermerckt in den verdamlichen Unglauben / und alle daraus entspringende Sünden und Laster so tieff eingewickelt und eingeflochten werden / daß ihnen darnach kaum wiederum!) zu helffen ist. So bin ich auch gewiß / daß die jenigen / welche denselbigen Predigten beygewohnet / nicht ohne Frucht und Nutzen dieselbigen angehöret / wie mir Gott Lob in diesem Stück mannichfältige Erfahrung / und das Zeugniß derer / so die Predigten (273) zum besten ihrer Kinder angewant / dessen genungsame Versiche­rung giebet. Die es nicht gehöret haben / die möchten vielleicht die Aufferziehung ihrer Kinder noch geringer achten / werden aber desto schwerere Rechenschafft an jenem Tage dafür zu geben haben.

§. 103. (3) In diesem Kirchen-Jahre habe mit der Hülffe GOttes den Anfang ge­machet / des Freytages zu predigen / über das wahre Christenthum / Johann Arnds / und nach der Ordnung der Capitel in demselbigen die jenigen Sprüche / so über jedem Capitel stehen / zum Texte zu erwehlen / dabey denn in der Predigt selbst nicht allein

10 In der Handschriftenabteilung des Archivs der Franckeschen Stiftungen sind keine Ent­würfe oder Nachschriften dieser Predigten über die Kinderzucht nachweisbar. Das Nach­schreiben der Predigten wurde erst seit 1694/95 planmäßig duxchgeführt.

7 Peschke, Francke-Werke