1. Glauchisches Gedenkbüchlein, 1693

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seine Gnade anzuruff 279) fen / und desto beständiger und fleissiger das Wort GOttes zu hören / da denn GOtt in ihren Hertzen reichlich ersetzen wird / was die natürliche Schwachheit zu verhindern scheinet. Ja es ist eben für solche schwache guten theils angesehen / daß sie durch einen solchen Weg / gleichsam bey der Hand zu mehrer Erkäntnüß möchten geleitet werden.

§. 106. (6) Nach der Ordnung unserer Kirchen wird vor der Predigt am Freytage das Buß-Gebet Danielis am 9ten Capitul vor dem Altar abgelesen / welches man nicht allein anhören / sondern auff unsern Zustand billig richten solle. Denn wie die Jüden ihre Sünden und Missethat darf 280) aus erkant / daß sie von GOtt mit seinen Plagen und Straffen so sehr heimgesuchet / ihre Stadt und Land zerstöret / und sie ins Elend vertrieben worden; Also haben auch wir den erschrecklichen Verfall der Christlichen Kirche genugsam daraus zu erkennen / daß die Stadt GOttes so wüste lieget / und unter dem grossen und unzehlichen Hauffen derer / die sich Christen nennen / so gar wenige sind / welche als geheiligte Tempel und Wohnungen GOttes in diesem geist­lichen Jerusalem erfunden werden; Dazu auch die Gerichte GOttes auff allen Seiten einbrechen / und uns überflüssiges Zeugnüß geben / daß wir hohe Zeit haben uns mit Daniel in solchem Huß-(281) Gebet / für das Volck GOttes zu vereinigen. Nähmet ihr das zu Hertzen liebe Pfarr-Kinder / so würdet ihr solches Buß-Gebet / wenn es abgelesen wird / mit guter Andacht und Erbauung anhören und nachsprechen kön­nen.

§. 107. So ist denn auch endlich (7) bey uns die Gewohnheit / daß nach der Predigt am Freytage die Litaney abgelesen wird / dabey ja wohl alle ernstlich zu erinnern sind / solches nicht bey der blossen Gewohnheit bewenden zu lassen / sondern alles und jedes / darum gebeten wird / mit einem demüthigen und hertzlichen Bitten und Flehen für GOtt zu bringen / und gleichsam nicht abzulassen mit seufftzen und wei(282)nen des Hertzens für dem Angesicht GOttes / biß GOtt seinen Zorn von uns wende / und sein Gnaden-Angesicht über uns erhebe / welches die eigentliche Bedeutung des Worts Litaney mit sich bringet.

§. 108. Hierzu kommet nun zum (8ten) daß der Inhalt der Predigt in der nechst folgenden Bet-Stunde wiederholet / und kürtzlich gezeiget wird / wie man alles zu seiner Besserung und Trost im gantzen Leben anwenden solle.

§. 109. Und so haben wir nun / geliebte Pfarr-Kinder / auch dafür dem HErrn zu dancken / daß auff genehmhaltung unsers hochlöblichen Consistorii tägliche Bet- Stunden / so wohl frühe (ausgenommen wo (283) Predigten einfallen) als gegen Abend in unserer Kirchen gehalten werden. Da denn (1) zur Erweckung der Andacht ein Christlicher Gesang gesungen; (2) Ein Psalm oder Capitul aus dem Alten oder Neuen Testament / nachdem es nehmlich die Ordnung giebet oder andere Umstände mit sich bringen / abgelesen wird. (3) Aufs allerkürtzeste einige Lehren zur Erbauung daraus gezogen / und euch auffs allereinfältigste fürgehalten werden. (4) Nach er­heischender Noth des allgemeinen oder besondern Zustandes / unserer / der Gemeine und der gantzen Christenheit / oder auch zugleich nach der Beschaffenheit der Zeit ein Gebet verrichtet wird. (5) (284) Nach mitgetheiltem Segen wieder mit einem Christlichen Gesänge beschlossen wird. (6) Wird in der Nachmittags Bet-Stunde / ausgenommen des Sontags und Sonnabends / eine kurtze Catechismus-Lehre oder Examen vorher gehalten. (Davon absonderlich wird gehandelt werden) 12 (7) Des Sonnabends werden diejenigen Texte / welche des Sonntags vor und Nachmittage sol­len abgehandelt werden / vorgelesen / wird auch gemeldet / was aus denselben der Ge-

12 Glauchisches Gedenkbüchlein, S. 313380, abgedruckt bei Richter, a. a. O., S. 131 ff.