2. Von den Mißbräuchen des Beichtstuhls, 1697
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dencket man nicht mehr daran / daß man die Besserung GOtt angelobet / und doch so schlecht ins Werck gesetzet hat / welches man GOTT sonderlich abbitten sollte. (XXIX) Gehet man ohne rechtem Verlangen nach der göttlichen Gnade zur Beichte / nur weil die Zeit verflossen ist: Schreiben deßwegen die Zeit / wenn sie darzugangen sind / in den Calender / damit sie wissen / wenn sie wieder gehen sollen; Kommen auch wol / wenn sie die gewöhnliche Zeit versäumet / und entschuldigen sich in der Beichte / daß sie durch diese und jene Verrichtungen wären auffgehalten worden. Die ersten Christen brauchten das Heil. Abendmahl fast (25) alle Tage / umb dadurch ihre Andacht und Glauben stets zu stärcken. 8 Taulerus 9 führet in der ersten Predigt am 7. Sonntage nach Trinitatis Augustini Worte an: Alle Tage zum Sacrament gehen / das lobe ich nicht / und schelte es auch nicht; aber doch vermahne ich alle Sonntage darzu zu kommen / doch daß im Hertzen kein Gemüth sey zu sündigen / und das rathe ich euch sicherlich. 10 Heutiges Tages hält man die wol vor Scheinheilige / die öffters als 4mal des Jahrs communiciren. (XXX) Man fasset keinen ernstlichen Fürsatz alle Sünden abzulegen / und ein gantz neuer Mensch zu werden. Man gedencket / in der Beicht würden die vorigen Sünden vergeben / und das Kerbholtz ahge( 26) schnitten / darnach gienge es auff ein neues. (XXXI) Etliche sprechen des Beicht-Vaters Worte nach / so wol in der Beichte / als auch bey Verlesung der öffentlichen absolution. (XXXII) Man läßt sichs verdriessen / wenn der Prediger einige Vermah- und Erinnerungen beybringet / und beschwehret sich darüber / als über stachlichte Reden. (XXXIII) Etliche suchen das Beicht-Geld unter der absolution: Etliche halten es die gantze Zeit in der Hand / oder legen es neben sich / als wie man vor eine Kanne Bier das Geld gleich hinleget / daß es das Ansehen hat / als wollten sie es dem Prediger damit abkauffen / und müßte er sie vor ihr Geld nothwendig absolviren. Dergleichen Mißbräuche weitläufftig beklaget werden in einem zu Dantzig gedruck('.27Jten Büchlein / genandt die grosse Diana der Epheser: und wird sonderlich darinnen gehandelt von den Accidentien der Prediger / die im Schwange und Zwange sind. * 11 Allein man kann Babel nicht härter angreiffen als in diesem Stücke. Wenn Christus die Verkäufler und Käuffer aus dem Tempel treibet / so schreyen sie bald / crucifige! Wenn Lutherus des Tetzeis Ablaß-Cram angreiffet / so ist das gantze Pabstthum rege. Viel wollten gerne den Beicht-Pfennig abbringen lassen / verlangen aber dar- gegen Beicht-Thaler. Zu wünschen wäre / daß / wie es an einigen Orten ist / denen Predigern ihre ordentliche Besoldung so gebessert würde / daß sie des Beicht-Geldes gar entbehren könnten: Denn es ist nicht genug / daß man (28) den Beicht-Pfennig abbringen will / sondern / weil solcher bißher ein Theil des Salarii gewesen / sollte die Obrigkeit auff andere Weyse bedacht seyn / daß / die am Evangelio arbeiten / sich vom Evangelio nähren könnten; welches doch nicht zu dem Ende fürgebracht wird / damit man der geitzigen Prediger ihrer Krämerey das Wort spreche / welche vom
8 Zur Frage der täglichen Kommunion vgl. M. Molinos, De communione quotidiana, 1687 (vgl. vorl. Ausg., S. 21).
9 Johannes Tauler (ca. 1300—1361). Die Predigt gilt als unecht und fehlt deshalb in der wissenschaftlichen Ausgabe von P. Vetter. Das Zitat findet sich in: Taulers Predigten. Neue Bearbeitung der Ausgabe von 1826 von J. Hamberger, II. Teil, Frankfurt 1864, S. 178.
10 Augustin (354—430) hat mehrfach zur Frage des häufigen Abendmahlsgenusses Stellung genommen. Doch stammt der hier zitierte Ausspruch wahrscheinlich nicht von ihm (vgl. MSL 33, 201 f.; 44, 627f., 998).
11 Gerhard Wildermann, reformierter Prediger in Danzig. Seine Schrift „Die Grosse Diana der Epheser. Da man / unter dem Schein des Gottesdienstes / zeitlichen Nutzen und Gewinn meinet / für hat / und suchet. Oder ein Tractätlein von den Accidentien der Prediger“ erschien 1693 (o. O.).