2. Von den Mißbräuchen des Beichtstuhls, 1697
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durch nachmals andere abgeschrecket werden dem Prediger etwas mehr zu eröffnen. Darumb muß man die / so etwas Geheimes im Beichtstuhl Vorbringen / vermahnen / daß sie selbst gegen andere solches verschweigen wollen. (XLIII) Wollen die Leute nicht vor der Beichte in des Predigers Hauß kommen / in Meynung / es seye ihnen solches schimpfflich; Hält man ihnen dann eins und das andere in dem Beichtstuhl vor / so sagen sie / man habe alle ihre Andacht gestöhret / oder (34) es hören es die Umbstehenden: darumb gewöhne man die Beicht-Kinder bey Zeiten darzu / daß sie sich nicht schämen auff die Pfarre zu kommen. (XLIV) Bißweilen bleiben arme Leute entweder selbst vom Beichtstuhl / oder halten ihre auch gottesfürchtige Kinder / die schon das Alter haben / vom heiligen Abendmahl ab / nur das Beicht-Geld zu er- spahren: Darumb muß man ihnen sagen / daß der Beicht-Pfennig / vermöge der Kirchen-Ordnung / eine Freyheit / und keine Schuldigkeit sey. (XLY) Lassen sie sich nicht gerne / ehe sie zum Heil. Abendmahl gehen / unterrichten. (XLVI) Meynen sie / man wäre nicht schuldig einige Sünde insonderheit dem Beicht-Vater zu bekennen / oder befürchten / es dürffte der Obrigkeit angezeiget werden / und behalten deß- wegen die (35) gröbsten Sünden die gantze Zeit ihres Lebens auff dem Hertzen: da ihnen doch leicht könnte geholffen werden / wenn sie solche Furcht aus den Augen setzten / und ihre heimliche Sünden dem Beicht-Vater bekennen würden. (XLVII) Wollen sie gantz ohne Bedingung absolviret seyn / und meynen / sie könnten sonst keinen Trost daraus haben: ob sie gleich solche Kennzeichen der Büßfertigkeit noch nie von sich spüren lassen / daß der Beicht-Vater eine Gewißheit von ihrem Zustande haben könnte.
Mißbräuche an Seiten der Beicht- Väter.
Die grösten abusus lauffen vor an Seiten der Beicht-Väter: Worüber bereits Herr D. Spener in der Predigt vom (36) rechten Gebrauch und Mißbrauch der Beicht / wie auch in seinen piis desideriis, 16 ingleichen Quistorpius 16 und Großgebauer in der Wächter-Stimme geklaget haben. 17 Der (I) Fehler der Beicht-Väter ist die Unwissenheit: Denn 1. weil sie keine lebendige Erkenntniß und Erfahrung der Göttlichen Wahrheit im Hertzen haben: so wissen sie auch das Wort der Wahrheit nicht recht zu theilen / sondern werffen es alles unordentlich untereinander. Ferner haben sie den Catechismum auff Schulen schon vergessen / und auff Universitaeten nicht wiederholet / und düncken sich viel zu gut / daß sie in die Catechismus-Lehren gehen sollten: Collegia Logica und Metaphysica halten sie vor viel nützlicher als den Catechismum. Hernach gehen sie (37) in die Collegia thetica und homiletica, ja fangen wol darzu von diesen letztem an / damit es ja recht ungereimt seyn möchte: Da doch Catechis- mus-Examina Studiosis am allernützlichsten wären / welche sie nicht allein anhören / sondern auch selbst halten / und sich dadurch immer üben sollten / wenn sie gleich
15 Ph. J. Spener, Des Beichtwesens in der Evangelischen Kirchen rechter Gebrauch und Mißbrauch (Predigt über Joh.20,23 am 7. August 1695), Cölln a. d. Spree (1695); ders., Pia desideria, Frankfurt a. M. 1675 (ed. K. Aland, 1964 3 , S.36).
16 Johann Quistorp (1584—1648), seit 1614 Professor der Theologie in Kostock. Seine Pia desideria wurden 1659 von seinem Sohn Johann Quistorp (1624—1669), seit 1649 Professor der Theologie in Rostock, herausgegeben und sind in mehreren Auflagen erschienen (vgl. Rostock 1665 3 ; Leube, a.a.O., S.71ff., 134).
17 Theophil Großgebauer (1627—1661), Rostocker Reformthcologe. Seine „Wächterstimme aus dem verwüsteten Zion“ erschien 1661 in Frankfurt a. M. (vgl. Leube, a.a.O., S.74ff.).