2. Von den Mißbräuchen des Beichtstuhls, 1697

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6. Wissen sie nicht / was der Binde-Schlüssel ist / (42) und meynen / er wäre gantz hinweg: So möchten sie es nur auslöschen in dem Catechismo / und sagen das Ambt des Schlüssels / und nicht / das Ambt der Schlüssel.

Hierzu kommt (II) ihr eigener unbekehrter Zustand. Aus welchem herkommt / 1. daß / weil sie sich gleichwol vor bekehrt halten / sie auch andere / die so wie sie sind / vor bekehrt achten / und dadurch die Beicht-Kinder in ihrer Sicherheit stärcken. 2. Können sie sich leichtlich nicht bekehren: Denn sie vermeynen / weil sie in einem Ambte stünden / darinnen sie andere bekehren sollten / so wäre es ihnen eine Schande / wenn sie den Nahmen müßten haben / als wären sie nicht vorhin schon bekehret gewesen. Darumb sprechen sie / wie die Pharisäer Joh. IX, 40: Sind wir denn (43) auch blind? und widersetzen sich dem Wercke Gottes am allermeisten. Sie schliessen das Himmelreich zu für den Menschen; Sie kommen nicht hinein / und die hinein wollen / lassen sie nicht hinein gehen / Matth. XXIII,13. 3. Wissen sie Epicureismum 21 , Pharisaismum und verum Christianismum nicht zu unterscheiden. 4. Aergern sie sich an denen jenigen / welche anfangen nach ihren eigenen Predigten ernstlich zu leben / und geben vor / man wolle etwas sonderliches haben. 5. Können sie keine rechte Prüffung anstellen / sondern lassen es auff das blosse Wissen an­kommen / daß Z. E. die Beicht-Kinder nur den Catechismum hersagen können. 6. Befördern sie nicht nur allein das Werck der Bekehrung nicht (44) an den Zu­hörern / sondern dämpffen und hindern es auch. Z. E. Wenn jemand durch eine Predigt gerühret wird / und voller Angst über seine Sünde zu ihnen kömmt: an statt daß sie ihm völlig zum Durchbruch helffen / und bey solcher Regung des Gewissens ihn auch anderer Sünden erinnern / und dadurch seine Busse zu einer Beständigkeit bringen sollten; so sagen sie flugs / Ey! Ihr seyd ein guter Christ. Ihr erkennet ja eure Sünde und wollet sie lassen / Ihr gehet ja auch fleißig in meine Predigten / zum Beichtstuhl und Heil. Abendmahl. Wird also bey den Leuten die beste Gelegenheit versäumet / und das Letzte ärger denn das Erste. 7. Können sie auch keinem groben Sünder recht Zureden / sondern wie ihr Hertz gegen Gott laulicht ist / so ist auch ihr Eiver (45) wider die Sünde nur laulicht / daß sie nicht mit Paulo Act. XX,31, sagen können: Ich habe nicht abgelassen Tag und Nacht einen jeglichen mit Thränen zu vermahnen. 8. Weil sie keine Erfahrung haben / so haben sie auch nicht die Weißheit einem jeglichen zu rathen und zu warnen / sondern sind gar zu geschwind mit ihrem Tröste / gleich als wenn sonst die Leute alsobald verzweiffeln würden. Solche Beicht- Väter wollen denn die Leute gern haben / wenn sie kranck sind / indem sie von nichts als von Gottes Gnade gegen sie / von ihrem Christlichen Leben und Wandel hören wollen. Darumb muß man bey Zeiten lernen / wie man mit Sterbenden umb- gehen soll. Vid. Qvistorpii pia desideria. 22 9.Haben sie nicht so viel Krafft / daß sie selbst mit denen Leuten aus ihrem Hertzen (46) ein Gebeth thun könnten / sondern lesen ihnen nur aus den Gebeth-Büchern vor. Siehe meine Anweisung zum Gebeth. 23

Neben dem Mangel der Erkenntniß und Bekehrung findet sich bey vielen (III) insonderheit die Faulheit (dergleichen Priester Es. XVI, v. 10, 11, 12, Ez. XXXIV, 26, beschrieben werden). Daher entstehet / 1. daß solche sich nicht des Zustandes ihrer Gemeinde fleißig erkundigen / sondern meynen / daß / wenn sie nur des Sonn-

21 Die Ethik des griechischen Philosophen Epikur (341271 v. Chr.) galt seit der Antike zu Unrecht als Lehre eines hemmungslosen Lebensgenusses. In diesem Sinne werden die Begriffe Epicureismus,epicurisch,Epicurer u. a. von Francke gebraucht.

22 J. Quistorp, Pia desideria, Rostock 1665 3 , S. 101 ff.

23 A. H. Francke, Schriftmäßige Anweisung recht und Gott wolgefällig zu beten, Halle 1695 (vgl. WD III, 37).

8 PeBchke, Francke-Werke