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II. Schriften zur kirchlichen Reform

tags predigen / so hätten sie ihr Brod auff 8. Tage verdienet / und dörffte sie Niemand anderswo als auff der Cantzel zu sehen bekommen. 2. Nehmen sie sich die Mühe nicht / daß sich ihre Beicht-Kinder vorhero bey ihnen angeben müßten. 3. Versäumen sie die Pri/47/vat-admonition, welche sie bey aller Gelegenheit anstellen sollten. 4. Lassen sie die Pfarr-Kinder nicht ins Hauß zu sich kommen / allwo sie immer mit denselben beten / und singen / und GOttes Wort handeln sollten. Denn was auff der Cantzel gesaget wird / appliciret man nicht so wol auff sich selbst / als auff andere: wenn man aber in absonderlichen Zusammenkünften die nöthigen Lehren höret / so dringet es am tieffsten ein. 5. Unterlassen sie einen jeglichen Menschen insonderheit zu erinnern / zu straffen und zu vermahnen: Welches doch so nöthig wäre / daß auch der vornehmste Nutzen des Beichtstuhls hierinnen bestehet. 6. Bemühen sie sich nicht die Unwissenden zu unterrichten. 7. Versäumen sie die Jugend / und lassen es nur auff die (48) Schulmeister ankommen. 8. Sie sehen gar genau drauff / was ihnen in der Kirchen-Ordnung auffgeleget ist / damit sie ja nicht mehr thun / als worzu sie gemiethet sind. Z. E. Wenn sie catechisiren sollen / wenden sie vor / man wolle ihnen zwar mehr Mühe aufflegen / aber der Besoldung deßwegen nichts zuthun. 9. Stellen sie nicht gnugsam vor / was zum Beichtstuhl und Abendmahl gehöret. An einigen Orten sind zwar Vorbereitungs-Predigten angeordnet / sie werden aber sehr kalt­sinnig gehalten. 10. Wissen sie gleich ruchlose Sünder / gehen sie doch dem Ver- lohrnen nicht nach / sondern lassen sie immer wieder zu. 11. Sie nehmen sich die Mühe nicht streitende Partheyen zu entscheiden. 12. Absolviren sie eine grosse Menge überhin in kurtzer Zeit. 13. Da (49) sie ihre Pfarr-Kinder nicht allein vom Irrweege abbringen / sondern auch immer zu einem höhern Grad der Vereinigung mit GOtt führen sollten / unterlassen sie beydes. 14. Sie fragen die Leute nicht / wer sie seyn / und verkündigen jederman die Vergebung der Sünden / wenn sie gleich nicht das Geringste von ihnen wissen. 15. Mit solcher F aulheit istmeistens verknüpffet die Wollust und Pflegung des Bauchs.

Bey andern findet sich (IV) der Geitz. Umb deßwillen sie 1. aus dem Beicht-Pfennig eine Schuldigkeit machen. 2. Die Leute / welche grosse Beicht-Pfennige bringen / nicht gerne fahren lassen. 3. Sich in dem Beichtstuhl oder auff der Cantzel beschwe­ren / wenn sie zu wenig Geld im Beichtstuhl lösen. 4. Gerne viel (50) Beicht-Kinder haben. 5. Andere darumb neiden. 6. Sich bey den Vornehmen bekandt machen / umb sie damit an sich zu ziehen. 7. Die Beicht-Pfennige zu einem Capital sammlen / und auff Wucher legen. 8. Allein die Pfarren / wo sie viele Beicht-Pfennige bekommen / vor gute Dienste / die andern aber vor Poenitenz-Pfarren halten: nicht aber darauff sehen / wo sie GOtt am meisten dienen / und am meisten bauen können. 9. Vor einen guten Beicht-Pfennig eine lange Rede / vor einen geringem aber eine gantz kurtze halten.

Hierzu kömmt auch (V) Die Imprudenz, Unwissenheit und Mangel der Erfahrung: Denn es ist nicht genug / daß man eine gute intention und Meynung führet / sondern man muß auch Klugheit (51) gebrauchen solche gute intention geschicklich ins Werck zu richten. In Ermangelung derselbigen kömmt es / daß 1. bißweilen Beicht- Väter ihren Beicht-Kindern die Leute nennen / welche etwas von ihnen offenbaret haben / woraus viel Streit und Zanck entstehet: Wenn sie aber selbst alsobald die Muthmassungen auff diejenigen haben / welche sie verklaget / so darff man freylich nicht lügen / sondern muß die / so des andern Sünde entdecken / lieber dahin dispo- niren / daß sie / umb denselben zu überweisen / und zur Erkenntniß zu bringen / die Gefahr einiger Feindschafft nicht achten mögen. Oder man könnte beyde Theile zugleich zu sich kommen lassen / und sagen: Man habe diß gehöret / etc. Denn also wird der Beschuldigte desto ehe Bedencken haben solches zu laug/52Jnen / und doch