2. Von den Mißbräuchen des Beichtstuhls, 1697
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auch den andern nicht so leicht in Verdacht ziehen. 2. Beobachtet man nicht die gradus admonitionis, sondern bringt alles gleich auff die Cantzel. 3. Man lobet die Leute unzeitig umb ihres Christenthums willen. 4. Man gebrauchet sich nicht gleich des Rechts seines Ambts / sondern will es gerne nach und nach einrichten / und kann darnach nimmermehr etwas rechtes anfangen. 5. Will man alles mit Umgestüm erhalten.
Andere fehlen (VI) mit ihrer falschen Klugheit / welche nichts anders ist als ars fugiendi crucem Christi. 24 Indem sie 1. die Bösen nicht änoröficog (Tit. 1.13.) scharff und frey straffen. 2. Niemand gerne offendiren wollen. 3. Sich für einem Nahmen fürchten. 4. Deßwegen auch nicht gerne mit den Frommen (53) umbgehen. 5. Nicht als Novaturientes wollen angesehen seyn. 6. Dem einen die Wahrheit sagen / dem andern nicht / und darinnen einen Unterscheid zwischen Bösen und Frommen machen. 7. Nicht das Hertz haben / jemand die absolution zu versagen. 8. Sich immer auff das brachium seculare berußen / und indessen brachium & digitum Dei nicht gebrauchen. Solches ist eine faule Entschuldigung: Denn ob man schon der Obrigkeit ihre gebührende Ehre geben soll / so darff man doch nicht allezeit auff sie warten / sondern man muß selbst in Sachen / die GOttes Ehre und das Ambt eines Predigers schlechterdings betreffen / zugreiffen / und thun / was seines Ambts ist / und nicht lange fragen / ob mans thun dürffe oder nicht? Wer lange fraget / giebt damit (54) erst Gelegenheit / daß man es ihm versagt; und indem es immer einer auff den andern schiebet / geschiehet nichts Guts.
Der (VII) Fehler an Seiten der Beicht-Väter ist die Hojfarth. Matth. XI. saget Christus: Kommet her zu mir alle / die ihr mühseelig und beladen seyd / ich will euch erqvicken ; 25 und zielet damit auff den Stoltz der Pharisäer / welche Joh. IX.49. sagten / Das Volck / das nichts vom Gesetze weiß / ist verflucht , 26 Gleichermaassen ge- dencken viele Prediger des gemeinen Volcks / als Schuster und Schneider / nicht anders als spöttlich / und meynen / sie wären viel vornehmer als dieselben. Vos autem non sic. 27 Ein Prediger muß geringer als alle Menschen werden: und darf' 55)zu soll man sich alsobald auff Universitaeten gewähnen / daß man sich unter alle andere demüthiget. Denn sonsten wird aus solchem Hoffarth erfolgen / daß 1. Prediger nicht so mit ihren Beicht-Kindern umbgehen werden / daß sie ihr Hertz gegen sie aus- schütten / und ein rechtes Vertrauen zu ihnen fassen könnten. 2. Gehen sie nur in der Reichen / nicht aber in der Armen Häuser. 3. Lassen sie sich leicht zum Zorn bewegen: Denn ein Hoffärtiger läßt sich bald etwas verdriessen.
Die Mittel / gegen die Mißbräuche des Beichtstuhls zugebrauchen.
Die Mittel solchen Mißbräuchen des Beichtstuhls abzuhelffen / sind (I) daß man die disciplinam ecclesiasticam, wie sie (56) in der ersten Kirchen gewesen / wieder exercire / und weil man ja die Heuchler dulden muß / doch zum wenigsten keine öffentliche Sünder in der Kirchen leide. Worbey die meiste Schwierigkeit machet / daß viele Prediger / und die Obrigkeit Selbsten offt würden am ersten zu excommuni- ciren seyn wegen ihrer groben Sünden und Laster / darinnen sie leben. Zum (II) soll
21 „die Kunst, dem Kreuze Christi zu entfliehen“. 26 Matth. 11,28.
26 Joh. 7,49.
27 „Ihr aber nicht so“ (vgl. Luk. 22,26).
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