3. Projekt zu einem Seminario universali, 1701
Neben dem im Jahre 1704 von Francke verfaßten „Großen Aufsatz“ befindet sich im Archiv der Franckeschen Stiftungen eine Reihe weiterer Reformprojekte, die entweder Yorformen des „Großen Aufsatzes“ sind oder ihn in bestimmten Punkten ergänzen. Die „wesentlichsten Punkte des späteren, „Großen Aufsatzes“ von 1704, was die Generalkonzeption Franckes betrifft“, finden wir in dem „Proiect zu einem Seminario universali“ vom Frühjahr 1701 (Großer Aufsatz, S.23f„ 53ff.). Ihre Realisierung fanden diese Pläne Franckes teilweise in dem im Mai 1702 gegründeten Collegium orientale (vgl. O. Podczeck, Die Arbeit am Alten Testament in Halle zur Zeit des Pietismus, WZ Halle 1958, Sp.l059ff.). Zu seinen universalen Plänen vgl. ferner F. Hofmann, A. H. Franckes Idee der „Universal-Verbesserung“ und die Weltreformpläne des Comenius, in: August Hermann Francke, Hallesche Universitätsreden 1964, S.79—87.
Das Projekt ist bereits von O. Frick ediert worden (August Hermann Franckes Project zu einem SEMINARIO UNIVERSALI... Gratulationsschrift zum fünfzigjährigen Lehrerjubiläum Fr. Aug. Ecksteins... Halle 1881; danach abgedruckt bei Kramer, A. H. Francke, II, S.489ff.). Der Druck ist in mancher Hinsicht fehlerhaft. Wir geben den Text im folgenden nach der Handschrift YAFSt II/10/4 wieder. Zur Ergänzung der Aussagen sind vor allem die „Fußstapfen“ und der „Große Aufsatz“ heranzuziehen.
(33 a ) Project. Zu einem Seminario Universali oder Anlegung eines Pflantz- Gartens, von welchem man eine reale Verbesserung in allen Ständen in und auserhalh Teutschlandes, ja in Europa und allen übrigen Theilen der Welt zugewarten.
I.
Es ist offenbar, daß der Grund alles Verderbens in dem höchst verderbten Lehr Stande zu suchen, welches aus allen Seculis in der Kirchen Historie erhellet; und ist nichts gewissers, als daß unzehlich viele Seelen verlohren werden aus Mangel getreuer Hirten, wie solches unter andern von unserm Heylande selbst Matth. 9. 1 bestätiget wird, da Ihn des Volcks jammerte, als Er sie ansahe wie die Schaffe die zerstreuet waren, und keinen Hirten hatten. Wann demnach eine gründliche Besserung in allen Ständen Vorgehen soll, so muß man nothwendig umb bessere Arbeiter bekümmert seyn, wie Bernhardus an den Pabst Eugenium schrieb: Verschaffe bessere Hirten, so wirst du bessre Schaffe haben. 2 Und unser Heyland selbst weiset an
1 Matth. 9,36.
2 Bernhard von Clairvaux (1090—1153). Das Zitat konnte nicht verifiziert werden. Es findet sich ebenfalls im „Großen Aufsatz“, S.74. Mit Papst Eugen III. (1145—1153) stand Bernhard in engem brieflichen Kontakt und widmete ihm sein berühmtes Werk De consideratione, in dem er die Pflichten des Papsttums darlegt.