3. Projekt zu einem Seminario universali, 1701

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angeregtem Orte auff dieses Haupt Mittel der Verbesserung, wenn Er zu seinen Jüngern sagt: Bittet den Herrn der Ernde, daß Er Arbeiter in Seine Ernde sende, welches Er auch so fort mit Seinem Exempel bestätigte, und seine Jünger unter das arme unwissende Volck außsandte, Sie zum Reiche Go ttes zu praepariren. 3

II.

Aus diesem gantz offenbaren und unwiedersprechlichen Grunde, wird kein ver­ständiger anders urtheilen können, als daß ein vortreffliches, ja das allervornehmste Mittel zu einer gründlichen Verbesserung in allen Ständen seyn werde, wenn man ein rechtes Seminarium erlangen möchte, welches dergestalt eingerichtet wäre, und unter Göttlichem Seegen so ämsig, sorgfältig und weißlich gepflantzet und gewartet würde, daß man aus demselbigen stets, und von Zeit zu Zeit wohlgerathene Pflantzen ( 33 b ) und Bäume heraus nehmen, an andere Orte, und in andere Länder, ja in alle theile der Welt, und unter alle Nationes versetzen, und von Ihnen ihre völligen Früchte erwarten, und mit Freuden gemessen könte: Auff gleiche Weise, wie der Prophet Samuel zu der Zeit, als das Volck Israel in sehr großen Verfall stunde, Propheten Schulen angerichtet, und damit einen großen Seegen auff die folgende Zeiten gebracht, 4 wie denn Elias und Elisa unter der gnädigen Führung Gottes, eben dergleichen gethan. 5 Zu unserer Zeit aber lehret die Noth selbst, dergleichen Pflantz- garten anzulegen, da an treuen und guten Arbeitern ein unbeschreiblicher Mangel ist, wie diejenigen am besten erfahren, welche viele Ampter zu besetzen haben, da sie offters zu frieden seyn müssen, so sie nur ehrliche Leute darzu kriegen können, (: da doch Paulus zum Ampt eines Bischoffs und Diaconi nicht einmahl einen erst neulich (wiewohl wahrhafftig) bekehreten, tüchtig erkennet:) 6 welches gewiß ein unsäglicher Jammer ist, daß man so viel tausend Seelen Leuten anvertrauet, die Ihrer eigenen Seele noch im Geringsten nicht zu rathen wissen, sondern alles auff Ihr Gedächtniß, und Blinde fleischliche Vernunfft, in Führung ihres Ampts ankommen lassen. Die Universitäten sollen solche Seminaria seyn, aber wie sie es gewesen, bedarff keiner Erleuchtung zu erkennen, und wäre gewiß eine große Blindheit so mans ferner darauff wollte ankommen lassen.

III.

Neben dergleichen Haupt Seminario könten dann gar füglich stehen gute und erwünschte Anstalten zu Erziehung der Jugend, von vornehmer und geringer Con­dition, reich und arm, und zwar für beyderley Geschlecht, iedes wie es die Umb- stände gegenwärtiger Zeit, und der Sache selbst erfordern möchten. Von welcher Erziehung der noch zarten Jugend gleichfalls der Nutzen für allerhand Stände, und für andre Nationen so wohl als für Teutschland zugewarten wäre; wiewohl der unsäg­liche Nutzen sich etwas späther zeugen würde, hingegen aber auch an mancher Pflantze desto reiffere und dauerhafftere Früchte versprechen.

( 34 «) IV.

Nicht weniger könte mit dem Haupt Seminario gar wohl verbunden seyn die Verpflegung der Armen von allerhand Gattung und der Waysen, verarmete Hand-

3 Matth. 9,38.

4 Vgl. 1. Samuel 19,20.

5 Vgl. 1. Kön.l8,4ff.; 2. Kön.2,3ff.

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