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II. Schriften zur kirchlichen Reform
wercksleute, Exulanten etc. und da bißhero aus der schlechten Versorgung der Armen, sonderlich aber der offenbaren Verwarlosung ihrer Seelen, dem Gemeinen Wesen eine unbeschreibliche Beschwerung zuwächßt, könte diese Verpflegung der Armen so eingerichtet werden, daß man auch solche Veranstaltung anders nicht, als ein höchst nützliches Seminarium Rei publicae vere Christianae 7 anzusehen hätte. Diese Seminaria dann insgesambt müssen dergestallt ineinander fließen, und eines dem andern die Hand bieten, daß ein jeder verständige, dem man die gantze Einrichtung vor Augen legt, nothwendig bekennen müsste, daß daher eine sehr große, und weit und breit sich erstreckende Verbesserung des gemeinen Wesens, ja eine Pflantzung der wahren lebendigen Erkänntniß Gottes in der gantzen Welt, mit gutem Grunde zu gewarten sey.
V.
Ob nun wol es leichter ist ein Project von dergleichen Seminariis zu machen, als dieselbigen selbst anzulegen, und nochvielmehr wenn Sie auch angelegt wären, die- selbigen in ihrer gehörigen Wartung halten, und also die Erreichung ihres Zwecks mit gnugsamer Warscheinlichkeit promittiren: So wird doch dieses alles so schwer nicht mehr scheinen, wenn man folgendes schon als gegenwärtig vor aussetzen kan. Nehmlich 1. daß bereits ein Ort vorhanden, da ein würckliclier Anfang zu allen diesen Seminariis gemachet. 2. daß solche, bereits angelegte Seminaria der hohen Landes Obrigkeit approbation, Auctorisirung und privilegirung würcklich erlanget. 3. daß dieselbigen angelegten Seminaria schon 6. Jahr lang mit augenscheinlichen gutem Success continuiret worden. 4. daß aus ( 34 b ) dem geringen Anfang derselben, herrlichen Anwachs und wundervollen Zufluß des Götti. Seegens, der auch öffters über allem Begriff menschlicher Vernunfft gegangen, kein unpartheyisches Gemüth anders erkennen kan, als daß Gott selbst mit im Werck sey. 5. Daß aus denselbigen angelegten Seminariis schon viele erweißliche herrliche Früchte entsprossen, so daß sich der Nutzen schon in und auserhalb Teutschlandes biß an weit entlegene Orter ausgebreitet; daß auch daher 6. ein so guter Geruch von selbigen Anstalten entstanden, daß man von nahen und entfernten Orten her daraus als aus einen Pflantz- garten gute und getreue Arbeiter am Wercke des Herrn, ja auch wohlgezogene Leute zu äuserlichen Verrichtungen herzuhohlen suchet, und zwar in solcher Menge, daß man offenbarlich erkennet, wenn man nur viele Hundert wohl zubereitete Leute stets zur Hand hätte, es würde ihnen an gelegenheit anders wo viele Früchte zu tragen, nicht ermangeln. 7. Daß diejenigen, so an solchem Werck bißdahero gearbeitet und noch arbeiten sich schon suffienter vor allen Unpartheyischen Leuten legitimiret, daß sie in wahrhafftiger Verleugnung stehen, und nicht das Ihrige, sondern das was Jesu Christi ist von Hertzens-Grunde suchen, und dahero viele Mühe, Arbeit, Sorgen und Kümmerniß, so bey dergleichen Werck unmöglich ausbleiben kan, aus Liebe zu ihrem Nächsten, gantz unermüdet über sich genommen, auch mit Hintansetzung ihres zeitlichen Vortheils, den Sie sonst in der Welt haben könten, und sich durch keine Schmähungen und Beurtheilungen der Welt von ihrem guten Vorsatz ab- schrecken lassen. 8. daß dieselbigen, so an dem Wercke arbeiten, im Glauben und Vertrauen ( 35 a ) gegen Gott, und in hertzlicher Liebe gegen einander dergestalt verbunden sind, daß ein jeder nicht den Menschen, sondern Dem Herrn dabey dienet, und einer dem andern seine Last tragen hilfft, so viel Ihm der Herr Gnade darzu ver- leyhet, und nichts auff eigene Kräffte, sondern alles auff die Erbarmung und den Seegen des großen Gottes ankommen lassen, welchem Sie im Gebeth einmüthiglich
7 „Pflanzstätte eines wahrhaft christlichen Staates“.