112
II. Schriften zur kirchlichen Reform
vorhanden wäre, welches man nmb 10. biß 12. tausendt Thlr. dazu nicht allein an- kauffen sondern auch noch weiter und völliger dazu einrichten könten.
Weil nun alles dieses mit dem Augenschein bewiesen werden kan, so mag ein jeglicher Verständiger davon urtheilen, ob auff einem solchen, von Gott selbst gelegten Grunde, nicht die allergrößten Difficultäten sattsam gehoben, welche einem sonsten dergleichen Seminarium universale oder allgemeinen Pflantz Garten als oben beschrieben ist, als eine rem publicam Platonicam oder in bloßer Einbildung bestehende Sache vorstellen sollte. 10
( 36 b ) VI.
Es ist aber offenbar, daß die bereits angelegte Anstalten zwar wohl ein Fundament geben können zu einem rechten universal-Seminario, aber in dem Stande, worinne sie sich jetzo befinden, bey weitem dazu noch nicht hinlänglich sind; sondern sie sind gleichsam ein kleiner Abriß eines großem Wercks, und dienen zu einer Überzeugung, daß dergleichen Anschläge, wann Sie in Gott gefasset werden, in keiner blossen Speculation bestehen, sondern wohl practiciret und ausgeführet werden können. Es hat das Werck, so wie es anjetzo ist, zwar wohl seinen Seegen, aber hingegen hat es auch seine Große Unvollkommenheiten, viele Anstösse, Beschwerung und Hinder- niße, welche gar wohl hinweg genommen werden könten, wenn die Sache noch auff eine andere Weise und mit mehrern Nachdruck möchte angegriffen werden. Wenn jetzo von Christi. Wohlthätern eine Beysteuer gegeben wird, so muß es zur höchsten Nothdurfft im äuserlichen angewendet werden, daß man daher nicht drauff ge- dencken kan, wie ein bessrer Nutzen zur Ehre Gottes daraus zu machen z. E. auff die Anführung Derer so zum Werck des Herrn bereitet werden ein mehrers zu wenden. Viele Studiosi kommen hieher, an denen man wol ein gutes Talent mercket, welche aber genöthiget werden wiederumb hinweg zu ziehen, weil man Sie hier nicht zu accommodiren weiß: worauff Sie denn öffters an solche Orte gerathen, da sie vielmehr im Grunde verderbet, als zu Gefässen des Hauses Gottes praepariret werden. Manche bleiben zwar eine zeitlang hier, aber weil sie länger nicht subsistiren können, ziehen sie hinweg ehe sie ihr Christenthum und studia zu einer wahren Solidität gebracht; daher sie dann, weil sie weder halb noch gar zubereitet sind, und doch zur Information der Jugend, oder wol gar zu öffentlichen Ambtern anders wo gezogen werden, mehr Ärgerniß als Erbauung erwecken, welches ( 37 a ) dann noch darzu auffs unglimpflichste der hiesigen Anführung imputiret wird. Das hieselbst angerichtete Paedagogium würde leichtlich zu einer Zahl von vielen hunderten extendiret werden, wenn es nicht pur und allein aus denen Mitteln der Eltern, die ihre Kinder darinne erziehen lassen, müsste erhalten werden, sondern man auch, gleichwie in andern Schulen und Gymnasiis, die Kinder gantz freyer Information könte gemessen lassen, und Ihnen noch darzu einige Beyhülffe zu ihrer übrigen Subsistenz verschaffen. Desgleichen wann mehrere Mittel vorhanden wären, so könte man die Praeceptores besser salariren, und sodann auch von andern Orten her, Leute die schon in öffentlichen Ämbtern gestanden, herbey ziehen. Da es dann nicht fehlen würde, die aller qvalificirtesten Leute zu bekommen, in Betrachtung, daß an andern Orten, wo sie stehen, gar selten ihre wohlgemeynten Consilia placidiret werden, und man sie hingegen gemeiniglich an so viele Dinge adstringiret, welche ihr Gewissen nicht wenig kräncken, bevor ab da das gute, so sie noch etwa bauen, von Fleischlichen Collegis
10 „Platonischer Staat“. Die von Plato (427—348/47 v. Chr.) entwickelte Staatslehre gilt seit der Antike als Inbegriff eines nicht realisierbaren Staatsideals.