3. Projekt zu einem Seminario universali, 1701
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öffters wieder verderbet wird. Daher sie mit Freuden eine solche Stelle amplectiren würden, da sie einen freyen campnm vor sich hätten etwas rechtschaffnes zur Ehre Gottes auszurichten. Nicht weniger ist auch unläugbar daß noch ein weit mehrers ausgerichtet werden könte, wenn man einen rechten Selectum ingeniorum anstellete, und so Gott einem Kinde eine sonderbare Neigung und Geschicklichkeit zu einer nützlichen Wissenschafft verliehen, dasselbige sofort dazu aussonderte und ihm alles was nur dazu nöthig wäre, an die hand gäbe. Diese höchst wichtige Sache aber lässt sich bey (37 b ) ietzigen Umbständen wegen ermanglender Mittel, so gleich darzu erfordert werden, bey weitem nicht gnug practiciren, ob mans wol von Hertzen suchet. Könte man auch ein eigenes räumliches, und mit feinen Zimmern, Sälen, Schlaff-städten versehenes Hauß zum Paedagogio erkauffen, da ietzt in unterschiedenen gemietheten Häusern die discipuli vertheilet sind, würde die Jugend mit größerer Liebe und Lust darinnen seyn, und könte vieles weit beßer als ietzo eingerichtet werden. Wären die Mittel vorhanden, allerhand arten von guten nützlichen arbeiten anzulegen, so dürffte man auch die Waysen- und armen Kinder zu Hand- wercks-Leuten bringen, da öffters das gute was man an ihnen bauet, wieder umgerißen wird, und wann die Waysen-Kinder bey so guten anstalten könten biß zu ihren völligen Jahren bleiben, und also zu einer rechten Befestigung des guten, so in ihnen gepflantzet wird, gelangen, so würde auch öffters durch dieselben dermaleins das Reich Gottes in einer Stadt, oder wohl gar in fernen Ländern gepflantzet und fort- 'N geführet werden, weil sich Gott gewiß an die Gelehrten nach dem Fleisch nicht bindet. Es könten auch die Studiosi so angeführet werden, daß man in den Wißen- schafften, die einen realen Nutzen haben, gewiße mit gnugsamen Gaben dazu versehene Leute praepariren und recht gründlich unterweisen ließe, wodurch die studia zu weit größerer perfection gedeyen, und von vielem unnützen Zeuge würden ge- reiniget werden, dem Nechsten aber würde mit solchen dergestalt völlig zubereiteten Subjectis mehr gedienet werden können. (38 a ) Denn was für unsäglicher Schade daraus entstehe, daß die Studiosi selbst nicht wißen, worauff sie sich in tanta multi- tudine rerum, 11 die ihnen proponiret werden, gefast halten sollen, oder was sie unter allen vornemlich zu ergreiffen, daß es darnach daher von den meisten heißet, in omnibus aliquid, in toto nihil, 12 lehret die Erfahrung genug. Es ist auch eine sehr große Beschwerung für hiesige anstalten, daß man so gar auff hiesigen Ort fället, und stets gleichsam eine Werbung unter denen studiosis vorgehet, so daß, wenn einer kaum etwas gutes von sich blicken laßen, man ihn gleich an andere Orte verlanget. Wäre nun das seminarium größer und weitleufftiger z. E. von tausend studiosis theologiae, (die sich hier bald einfinden würden, wenn man nur zu ihrer subsistentz mehr Beyhülffe hätten) und die auffsicht auff ein solches copiosum seminarium würde durch gnugsame arbeiter verrichtet, und dergestalt reguliret, daß man von eines ieden progressibus in pietate et studiis süffisante notiz hätte, 13 so könten jährlich eine gewiße anzahl z. E. von Hunderten ausgesondert, und auff begehren abgefolget, die übrigen aber biß zu weiteren (38 b ) maturitaet noch ferner in guter Obacht gehalten und sorgfältiglich zu ihrem rechten Zweck angeleitet werden. Welch eine unbeschreibliche Frucht wäre dann nicht davon zu hoffen, wenn jährlich eine solche Versetzung wohlgerathener und fruchttragender Bäume geschähe? Wann nun deren ein ieder nach seinem Maß dreißig, sechzig und hundertfältige Früchte brächte, welche ausbreitung der Ehre des Herrn, wäre davon nicht in zehn oder zwantzig Jahren zu
11 „in einer solchen Vielzahl von Dingen“.
12 „in allem etwas, im Ganzen nichts“.
13 „hinlängliche Kenntnis von den Fortschritten in der Frömmigkeit und in den Studien“.