1. Von der Erziehung der Jugend, 1698

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inzwischen gegenwärtiges Tractätlein des Ertz-Bischoffs von Cammerich 4 unter die Hände kommen / darinnen ich so viel gutes gefunden / daß ich verhoffet / meinen Nechsten einen guten Dienst zu leisten / wenn ich procurirete / daß es in die Teutsche Sprache übersetzet / und so dann heraus gegeben würde. Vielleicht möchten auch manche / die (3 b ) mehr auff fremde als einheimische Dinge fallen / hieraus noch eher einige Erinnerungen annehmen / als wenn ich oder ein ander bey ihrer Kinder-Zucht etwas erinnerte. Es ist zwar dieses eigentlich / wie der Titul weiset / auff die Erziehung der Töchter gerichtet; es ist aber das meiste so darinnen enthalten ist / also be­schaffen / daß es insgemein bey der Kinder-Zucht wohl zu appliciren: Daher man es sicherlich einen jeden / den die Kinderzucht oblieget / recommendiren kan. Weil der Autor der Römisch-Catholischen Religion zugethan / hat er unterschiedliches / wel­ches mit der Lauterkeit des Evangelii nicht übereinstimmet / hin und wieder einge- mischet / nicht so wohl in den ersten Capiteln / als in denen / da er von der Religion handelt. Ich habe die Freyheit genommen dergleichen anstößige Oerter auszulassen. 5 (4 a ) Doch dienet dem Leser zur Nachricht / daß ich wegen der anderen vielen Arbeit es nicht mit der Sorgfältigkeit gethan / daß nicht einige Spuhr von des Autoris Reli­gion solte geblieben seyn. Daher ich bitten muß / dergleichen Stellen mit geneigten Gemüthe zu übersehen: wie denn auch keinen Verständigen dadurch einiger Schade Zuwachsen wird. Es wird der Leser sonst so viel gutes darinnen finden / daß er nicht Ursache haben wird / sich bey solchen kleinen Fehlern des Autoris oder der Über­setzung auffzuhalten. Es ist uns Teutschen allerdings eine grosse Schande / und sonderlich uns Evangelischen / daß wir uns in dieser so wichtigen Sache von einen fremden müssen den Weeg weisen lassen: Noch eine grössere Schande aber würde es uns seyn / wenn wir solche Weisung nicht mit Danck annehmen / sondern um (4 b ) einiger Fehler willen verwerffen wolten. Es ist ja gewiß mit der Erziehung der Jugend bey uns so elend bestellet / daß es schlimmer nicht seyn könte / daß wir vor andern Nationen Ursache hätten / auff deren Verbesserung einmahl ernstliche Sorge zurichten; Aber wie es sonst gehet / daß wo die Besserung am allermeisten von nöthen ist / man auch am allermeisten es verachtet / verspottet und verwirfft / wenn ein Anfang dazu gemacht wird; also gehets auch mit der Erziehung der Jugend. Es ist so weit damit kommen / daß verständige Eltern kaum noch einige Mittel und Wege zu erfinden wissen / ihre Kinder von denen Haupt-Fehlern der überall verderbten Erziehung loß zu reissen: und doch wo man siehet / daß ein mehrer Ernst auff die Erziehung gewendet wird / wird alles durch Lügen und Verleumbdung der gef 5*) st alt verhaßt gemacht / daß es die meisten lieber bey der gemeinen Leyre lassen wollen / als davon ein gutes Exempel der Nachfolge bey Erziehung der ihrigen nehmen; Am allerwenigsten wird bey uns für die Erziehung der Mägdlein gesorget. Siehet man auff das gemeine Volck / wer bekümmert sich umb die Mägdgen-Schulen / daß sie recht eingericht und dergestalt gehalten werden möchten / daß eine wahre Frucht daher zu hoffen sey. Weil die Obrigkeit und Prediger insgemein darinnen ihr Amt nicht in acht nehmen / wie sie solten / so ist es kein Wunder / daß solch junges Volck mehren- theils in lauter Sünden / Schanden und Lastern auffwächset. Wenn denn eine Hurerey

4 Fenelon (Francois de Salignac de la Mothe) (16511715), Erzbischof von Cambray, ein­flußreicher religiöser Schriftsteller, Vertreter der quiestistischen Mystik in Frankreich. Seine SchriftDe leducation des Alles war für die Herzogin von Beauvilliers geschrieben und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Sie erschien 1687 ohne sein Zutun.

5 Die Auslassungen beschränken sich auf das 7. und 8. Kapitel des Traktats und beziehen sich vor allem auf Aussagen über die Kirche, die Priester und katholische Bräuche (vgl. Richter, a.a.O., S. 148f., Anm.3).