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III. Pädagogische Schriften
treibet und das Kind ermordet / oder sonst schwere Ubelthaten begehet / so reisset man ihr den Kopf ab. Ist das genug? Wird (5 b ) nicht GOtt solch Blut an jenem Tage von denen fordern / welche Amts wegen für die Erziehung der Jugend hätten sorgen sollen? Das sind unerkannte Blutschulden / welche der Regier- und Lehr-Stand öffters auf sich laden / indem sie nicht dafür sorgen / daß die Leute recht Christlich möchten erzogen werden. Denn würden sie solches thun / es würde mancher Mensch der Obrigkeit nicht ins Schwerdt fallen / und von dem Prediger nicht zum Thor hinaus begleitet werden. Die fürnehmen Leute wollen das Ansehen nicht haben / daß sie ihre Kinder also verwahrlosen: aber die Art ihrer Erziehung ist mehrentheils viel schlimmer als der gemeinen Leute ihre. Denn gemeine Kinder werden doch noch zur Arbeit erzogen / so sie ja nicht zur Gottseligkeit angewiesen werden: aber die fürnehmen Leute erziehen die (6 a ) ihrigen insgemein weder zur Gottesfurcht / noch zur Arbeit. Es hat zwar bey den gemeinen so wol als bey den Fürnehmen das Ansehen als wenn die Kinder zum Christenthum geführet würden. Denn jene lernen etwa in der Schule die äusserlichen Worte des Catechismi / und diesen werden auch noch wohl Informatores gehalten / die sie im Christenthum anweisen sollen. Aber wie unzulänglich beydes sey / lehret die Erfahrung. Denn die Kinder werden nicht mit gebührenden Ernst darauff gewiesen / wie sie alles / was sie von Worte GOttes hören / ohne Unterlaß innerlich und äusserlich appliciren sollen / also daß ihr Wesen mit dem Worte GOttes übereintreffe / ja sie sehen gerade das Gegentheil an ihren Eltern und Praeceptoren. Wann ietziger Zeit fürnehme Leute ihren Kindern auffs beste rathen wollen / so su/6/]chen sie eine Frantzöische Mademoiselle. Nun ist zwar nicht zu läugnen / daß diese Nation zu äuserlicher guter Erziehung der Jugend mehr Geschicklichkeit hat / als die Teutschen; und wenn man solche haben kan / die zu gleich von Hertzen GOtt fürchten / daß keine geschickter seyn zu guter Erziehung der Jugend als sie; Hingegen werden Verständige auch nicht leugnen / daß diese Nation eben diejenige sey / welche die Teutsche am allermeisten zur Eitelkeit verführet / und pfleget die Eitelkeit ihnen insgemein so sehr anzuhängen / daß alles ihr Thun auff das plaire au monde oder wie man der Welt wohl gefallen solle / gehet. Daher ist mehrentheils ihr Christenthum so beschaffen / daß sie GOtt und der Welt zugleich dienen und gefallen wollen / und von der Schmach Christi und gründlichen Verleugnung der (7 a ) Welt nichts wissen. Complaisance und ambition oder Menschen- Gefälligkeit und Ehrsucht sind bey ihnen tugenden / welche sie wol zum Grunde aller ihrer Anführung legen / ja es wol für unmüglich ausgeben / ohne denenselbigen fort zu kommen / und diejenigen für edle Gemüther halten / die viel ambition haben. Nach dem Wort Gottes kan man diese beyde Stücke bey ihren rechten Namen nicht anders nennen / als Heucheley und Hoffart / und wer diesen nicht von Hertzen ab- stirbet / wird nimmermehr ein wahrer Christ werden. Christus bezeuget denen Pharisäern Joh. 5. daß sie nicht glauben könten / so lange sie Ehre von einander nehmen: 6 und die Schrifft insgemein weiß von keiner andern Menschen-Gefälligkeit als wo es zur wahren Erbauung und Besserung des Nechsten dienet / was drüber ist / das ist (7 b ) vom Argen. Wo nun solche Greuel zum Grunde gesetzet werden / da werden die zarten Gemüther dergestalt von dem Welt-Geist eingenommen und vergifftet / daß sie bey ihren Schein der äusserlichen Ehrbarkeit darnach am alleruntüchtigsten werden / daß ihnen ein wahres auff das innerliche und dessen gründliche Besserung zielendes Christenthum eingeflösset werde. Es ist auch leider den Eltern am wenigsten darum zu thun / sondern sie wollen gern geschickte Töchter haben / die bey der Welt etwas gelten / und solchen Zweck können sie ja leichtlich erhalten. In diesen
6 Vgl. Joh. 5,44.