1. Von der Erziehung der Jugend, 1698

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Tractätlein finden sie einen Spiegel darnach sie die Erziehung der Ihrigen examiniren können. Ich bin gewiß / daß in vielen Familien eine grosse Reformation der Erziehung Vorgehen würde / wenn man nur diese wenigen Blätter erst in die Übung bringen ( 8) würde. Doch ist nicht zu leugnen / daß alle die guten Regeln / welche der Autor giebet / zu nichts nutzen werden / wann die Eltern nicht erst selbst auff ihre wahre Bekehrung und Besserung bedacht sind / ehe sie fürnehmen / in der Erziehung ihrer Kinder etwas zuverbessern / oder wann nicht solche Leute der Erziehung fürgesetzet werden / die gründlich zu GOtt bekehret sind. Das Werck der Erziehung ist über alle Kräflfte des natürlichen Menschen. Es muß durch den GeisfcGOttes geführet werden / wo der im Hertzen wohnet und regieret / da wird allein der rechte Grund dazu geleget. So auch iemand gedencken wolte / daß er durch seine Sorgfalt und Fleiß / oder durch seine Klugheit und Verstand die Kinder recht erziehen wolte / so würde es ihm am wenigsten gelingen. Es richtets kein menschlicher Verstand aus / und auch die so GOtt fürchten / dürffens auff ihre eigene Kräflfte nicht ankommen lassen. Daß beste muß durchs Gebet ausgerichtet werden / und derjenige stehet der Aufferziehung der Jugend am besten für / der am ernstfSüdlichsten für GOtt tritt / und im Geist und in der Warheit mit GOtt ringet und kämpflfet / daß er die Seelen / so ihm anvertrauet sind / aus den Verderben erretten möge. Einen solchen wird GOtt Weißheit und Verstand geben / die Erziehung recht nach dem Willen GOttes zu führen; und ob er die Frucht nicht gleich sähe / so würde doch GOtt endlich seine Thränen erhören / und wie die Monica wegen ihres Augustini getröstet ward / Kinder so vieler Thränen nicht umbkommen lassen. 7 Bey einen solchen werden auch die Erinnerungen des Autoris ihren rechten Platz finden. Denn wo der rechte Grund der Weißheit ist / da wird sie durch gute Lehren und Erinnerungen gleichsam gespeiset und ernehret: Wo aber kein rechter Grund ist / da werden auch die besten Lehren übel appliciret / oder ist doch nicht der erwünschte Segen dabey. GOtt von dem alle Weißheit kommt von oben herab / wolle den Leser selbst in alle Warheit leiten / u. diese Blätter zu der Jugend ewigen Nutzen gesegnet seyn lassen.

Augustus Hermann Francke.

Glaucha an Halle den 10. Oct. 1698.

7 Monika (f 387), die Mutter Augustins. Zu dem Ausspruch vgl. Augustin, Confessiones, Buch 3, Kap. 12.