2. Unterricht zur Gottseligkeit und Klugheit, 1702
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Praeceptori, als den untergebenen selbst. So jener nur umb zeitlichen Unterhalts willen / aus Hoffnung bevorstehender Beförderung oder Ehre für der Welt einzulegen / der Jugend fürstehet / ob er gleich fürgiebet / daß allemahl GOttes-Ehre zugleich intendiret werde / wird vergeblich die wahre Frucht von dessen Anweisung erwartet. Wo aber die Liebe zur Ehre GOttes ohne schädliche Neben-Absicht / der ungefärbte Grund ist / wird nichts fürgenommen / dadurch die Ehre GOttes in geringsten möchte verletzet oder nur nicht befördert werden / und nicht mit willen etwas unterlassen / so diesen Zweck desto näher zuerhalten / dienlich erachtet wird / vielmehr in allen Stücken das Gewissen als für GOtt fleissig zu Rath gezogen.
Ist es dem Praeceptori nicht ernstlich umb die Ehre GOttes zu thun / so werden sich gemeiniglich die Kinder deren noch viel weniger annehmen. Ist aber jener darumb allein bekümmert / wird er unmöglich sich enthalten können auch die Kinder fleissig und inständig dessen zu erinnern / damit sie sich bey Zeiten gewehnen aus lauterer Absicht alles fürzunehmen umb GOttes willen / und wo dieses erst bey der Jugend erhalten ist / da ist bereits ein solcher Grund gelegt / daß die Anweisung weder dem führer noch dem geführetem sauer ankommet.
(115*) II.
Cultura animi oder die gemüths Pflege ist das einige Mittel / wodurch dieser Haupt- Zweck in Anweisung der Jugend erhalten wird. Denn wenn der lehrende zu einem gottseligen und verständigen Wandel / und zu nützlicher Wissenschafft die Jugend gebührend angewiesen / und diese von Ihm solches recht gefasset / haben die Menschen an Ihrer Seiten das ihrige gethan / und übergeben das übrige billich dem Rath und willen GOttes / wo aber die lehrende allerhand Neben-Zwecke der Jugend fürstellen / in Meynung sie darmit auffzumuntern und anzufrischen / e. g. Sie sollen studieren / daß die dermaleins Cantzier j Superintendenten, Doctores etc. werden / daß sie fürnehme und hochangesehen in der Welt werden / daß sie einmahl Ihr stück Brodt haben / oder zu Reichthumb und guten Tagen gelangen mögen / daß sie es diesem und jenem dereinst gleich oder zuvorthun etc. da wird bald der Haupt-Zweck aus den Augen gesetzt / und an dessen Stelle ein solcher abgeschmackter Neben-Zweck er- wehlet. Denn das menschliche Hertz ist ohne dem geneigt aus sich Selbsten einen Abgott zu machen / und sich der Bauch-Sorge zu ergeben / oder gute und wollüstige Tage zusuchen / ich geschweige / wann es noch dazu auffgeblehet / und ihme solches als ein Zweck / dahin alles zurichten / fürgestellet wird. Zwar wird ein Lehrer wohl durch solche Fürstellung einiger massen seinen Zweck erhalten / indem die Kinder auch durch eine thörichte Hoffnung zu grösserm Fleiß in erlernung der Wissenschafften auch wohl zu einem eusserlichen Gehorsam mögen erwecket werden. Hingegen werden die zarten Gemüther mit ambition oder Ehrsucht / Geitz / Neid und andern Lastern unvermerckt erfüllet / daß sie dermaleinst mit aller ihrer Wissenschafft und Geschicklichkeit andern / und ihnen selbst mehr schädlich als nützlich seynd / absonderlich sich in solchen neben absichten immer weiter vertieffen / und ihr ewiges Heil gewaltiglich verhindern. Die jenige aber die noch durch die Barmhertzigkeit GOttes in reiffern Jahren zu einer lebendigen Erkäntnüß GOttes kommen / werden es Ihren Praeceptoribus oder Eltern wenig dancken / wann sie nicht auff einen bessern und Christlichem Grund ihres Fleisses geführet worden. Wann die Kinder zur beständigen Furcht und Liebe des allgegenwärtigen GOttes erwecket werden / und ihnen der rechte Adel der menschlichen Seele / so in der Erneuerung zum Eben-Bilde GOttes bestehet / mit lebendigen F arben für Augen gemahlet wird / und sie (116*) also