2. Unterricht zur Gottseligkeit und Klugheit, 1702
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es sey gutes oder böses / daher das Aergernüß bey ihnen am gefährlichsten ist. Die Kinder / welche ihren Praeceptoren oder ihren Vater truncken / zornig / unkeusch etc. sehen / fluchen / schweren / affterreden etc. hören / und insgemein der Welt Eitelkeit / in Fleisches Lust und Augen-Lust und hoffärtigen Leben / aus derer Exempel erlernen / werden darnach nicht so leicht zu einen gründlichen Haß gegen diese Laster gebracht.
(4) Wann aber die Fürgesetzten in allen Stücken mit guten Exempeln fürgehen / mögen sie sich dann auch wohl nicht ohne Frucht und Nutzen auff ihre Exempel beruflen / wie Paulus Philip. IV,9. welches ihr gelernet / und empfangen j und gehöret / und gesehen habt an mir / das thut / so wird der HErr des Friedens mit euch seyn. So nun die Kinder wohl gewöhnet seynd / auff das gute Exempel ihrer Fürgesetzten acht zu haben / mag offtmahls eine einige Erinnerung (e. g. du wirst nicht sehen / daß ichs also mache: hastu das aus meinem Exempel gelernet?) gnug seyn / die Kinder von bösem abzuziehen.
Hierzu mag nicht wenig dienen / wann (5) die Fürgesetzte mit Fleiß gute und löbliche Handlungen in Gegenwart der Kinder vornehmen. Denn obwohl die Handlungen nur äusserlich seyn / und die Kinder vors erste auch nur das äusserliche nachzuahmen trachten / wird doch dadurch unvermerckt ihnen eine Liebe zu tugend- hafften Handlungen beygebracht / und kann man mit der Lehr ihnen desto besser zu statten kommen. Da dann (6) allerdings auch dieses darzu kommen muß / daß der Informator die Kinder fleißig auffmuntere / auff solche gute Ex(TI8*Jempel wohl acht zuhaben / und ihnen nach zufolgen / auch ihnen klar und deutlich zeigen / worinnen eigentlich das gute Exempel bestehet / dem sie nachfolgen sollen. Weil es aber auch bey der grössesten Fürsicht dennoch je zuweilen geschiehet /daß andere die Kinder mit bösen Exempeln ärgern / ist auch (7) vonnöthen / daß Vorgesetzte die bösen Exempel ohne Erinnerung nie vorbey streichen lassen / sondern die Jugend warnen / daß sie ja diesem Exempel nicht folgen / sondern vielmehr einen ernstlichen Haß dagegen fassen sollen / hingegen sich der entgegen gesetzten Tugend befleissigen / und das Böse / so sie ferner dergleichen sehen solten / frey / doch mit Demuth und Bescheidenheit / straffen. Die jenigen aber / so die Kinder mit bösen Exempeln ärgern / sehen zu / daß der Ausspruch Christi nicht an Ihnen erfüllet werde / daß es besser wäre / daß ein Mühlstein an seinen Hals gehänget würde / und ersäujfet würde im Meer / da es am tieffsten ist. 2
VI.
III. 3 Die Catechisatio oder kurtze und deutliche Einleitung zu der haupt Summa der Christlichen Lehre / so sie recht fürgenommen wird / ist auch nicht ein geringes Mittel zur Einpflantzung der wahren Gottseligkeit. Darbey aber zumercken ( a) daß nicht alle Anweisung zur Christlichen Lehre biß dahin zuversparen / da die Kinder selbst geschickt seynd den Catechismum zulesen und auswendig zulernen / sondern daß Ihnen der Anfang der Christlichen Lehre gleichsam mit der Mutter Milch ein- zuflösen sey / wie man solches auch von den ersten Christen in der Kirchen Historie an gar schönen Exempeln befindet. Timotheus hatte OJto ßoecpoVQ, von den ersten Kindes-Beinen an / die Schrifft gewust 2 Tim. III.15. Demnach thun diejenigen
2 Matth. 18,6.
3 Die unterschiedliche Zählung kommt dadurch zustande, daß Francke außer den Paragraphen auch die Mittel der Erziehung zur wahren Gottseligkeit fortlaufend nummeriert. § 5 nennt das „Exempel“ als erstes Mittel (als a gezählt). Es folgt § 6 die „Katechisation“ als zweites Mittel (III. ist Druckfehler). Im § 7 schließt sich als drittes Mittel die Lesung der Heiligen Schrift an usw.