2. Unterricht zur Gottseligkeit und Klugheit, 1702

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Jahren / da er noch nicht gestärcket ist / am leichtesten geschehen mag / und durch ihre Unachtsamkeit und durch das fladderhaffte Wesen / so sie denen Kindern ge­statten / alle gute Zucht wieder verderben / ist es unmüglich / daß sie an ihren Kindern die Würckung des Heiligen Geistes sehen / welche sie sonst nicht ohne Freuden-Thränen würden gewahr werden. Mit der Schärffe ist bey solchen Kindern wenig gedienet / sondern sie müssen mit sehr grosser Liebe / Sanfftmuth und aller Gedult getragen / und zu einem stillen Wesen gewöhnet / und also unvermerckt zur Liebe GOttes gebracht / und von allem Bösen und Muthwillen abgekehret werden. Wo aber die Kinder in allen eigenen und freyen Muthwillen gelassen werden / werden die Kräffte des alten Menschen in ihnen so starck / daß ihnen darnach mit Ruthen und Stecken nicht mag gesteuret werden. Hingegen wo diese beyden Stücke bey- sammen sind / nemlich ein einfältiger und kindlicher Unterricht / und eine feine Christliche Zucht / wird GOtt sein gnädiges Gedeyen gerne zu solcher Aufferziehung geben.

ß ) Wenn die Kinder ein wenig heranwachsen / ist zwar nöthig / daß ihnen der kleine Kinder-Catechismus frühzeitig beygebracht werde; doch ist hiebey von- nöthen / eines theils / daß man ihnen quasi per Catechismum aliquem historicum 7 fein einfältig beybringe / wie alles zusammen hange / was ihnen zu wissen und zu glauben nöthig ist e. g. Wie GOtt im Anfang den Menschen heilig und gerecht er­schaffen / der Mensch aber solches herrliche Eben-Bild Gottes durch die Sünde ver- lohren / darauff GOtt dem menschlichen Geschlechte verheissen / durch den gebene- deyeten Weibes-Saamen wiederumb zu helffen / in dessen seye das menschliche i Geschlecht in solchem verdorbenen Zustande fortgepflantzet worden / und hätten GOtt immer mehr und mehr mit ihren Sünden gereitzet / so gar / daß zur Zeit Noä die gantze Welt / biß auff acht Personen / gottloß gewesen / daher sie GOtt durch die Sünd-Fluth verderbet / und den frommen Noah mit seinem Hause erhalten. Darnach habe GOtt dem gerechten Abraham die (121*) Yerheissung des gebenedeyeten Samens erneuert und seine Yerheissung mit dem Bunde der Beschneidung versiegelt. Daher Isaac / Jacob / und die zwölff Geschlecht Israel entsprungen / unter welchen Juda gewesen / von dem die Nachkommen Abrahams nach dem Fleische Jüden genennet werden / welche durch GOttes-Schickung in Egypten kommen / daselbst viel ausgestanden / biß sie durch den Knecht GOttes Mosen wieder heraus geführet worden; durch welchen ihnen auch GOtt das Gesetze gegeben / welches da seyn die zehen Gebot / so im Catechismo stehen. In solchem Gesetz habe das Volck gelebet eine lange Zeit / unter Aeltesten / Richtern und Königen / und habe ihnen GOtt viele Propheten und heilige Männer gegeben / die sie in ihren Sünden gestrafft / und in den wegen GOttes unterrichtet / wie dann auch deren Schrifften uns als ein Mittel unserer Seligkeit hinterlassen worden / so von uns die heilige Schrifft altes Testaments ge­nennet werde. Endlich habe GOtt in der Fülle der Zeit aus solchem jüdischen Volck CHristum JEsum den Heyland der Welt lassen gebohren werden / welcher sich in seinem Leben und Sterben und Aufferstehen als den wahrhafftigen Heyland er­wiesen / und nach seiner Himmelfahrt den Heiligen Geist über die Apostel sichtbar- lich ausgegossen / welche er vorhin Selbsten unterrichtet / und sie beten gelehret / (wie solches das Apostolische Glaubens-Bekäntniß und Gebet des Herrn im Cathe- chismo bezeuget) auch ihnen Tauffe und Abendmahl eingesetzet (darvon im 4. 5. 6ten Haupt-Stück gehandelt wird) und Ihnen befohlen in seinem Nahmen zu predigen Busse und Vergebung der Sünden / welches sie auch gethan / so wohl mündlich als

7gleichsam durch einen gewissen historischen Katechismus.