2. Unterricht zur Gottseligkeit und Klugheit, 1702

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ist aber dienlich / daß man sich hierbey (123*) länger auffhalte / als bey der ersten Durchlesung der gantzen heiligen Schrillt. Auch ausser dem / was bey der ersten lection erinnert ist / kan hiebey ein examen angestellet werden / daß die Kinder all­mählich selbst den Inhalt fürbringen / es zum Glauben und Leben anwenden / und in den Cathechismum führen lernen / welches eine beständige Übung von ihnen wohl erhalten wird.

(4) Hierbey aber ist bey Zeiten wohl zu zusehen / daß die Kinder aus dem Bibel- Lesen kein opus operatum machen oder meynen / es sey genug / wann sie nun die Bibel also tractiret haben / sondern man hat immer zuprüffen / ob sie auch in ihrem gantzen Leben die Früchte davon zeigen / und wann sich das Gegentheil befindet j so hat man sie mit allem Fleiß zu erinnern / daß sie die heilige Schrillt als eine Regu und Norm ihres Glaubens und Lebens gebrauchen müsten / und in welchem Stückl ihre gegenwärtige Handlung nicht damit übereinstimmete.

(5) Muß man insonderheit ihnen Christum aus der heiligen Schrilft zeigen / wie derselbe sey das vollkommene Sühn-Opffer für unsere Sünde / und das vollkommene Exempel und Muster / darnach wir unser gantzes Leben einzurichten haben. Solches muß ihnen mit grosser Liebe und Sanfftmuth öffters beweglich fürgestellet werden / damit sie selbst ein Verlangen kriegen / das vollkommene Bild des Herrn JEsu / wie derselbe ihnen von GOtt gemacht ist zur Weißheit / zur Gerechtigkeit /zur Heiligung und zur Erlösung / beständig in ihrem Gedächtnüß und in ihrem Hertzen zutragen.

(6) Zur Lesung der heiligen Schrilft mag auch mitgerechnet werden / daß die Kinder einige Sprüche der heiligen Schrilft auswendig lernen. Hierzu gehöret füglich / daß (a) die Kinder / so bald sie einen Spruch ins Gedächtnüß gefasset / nach allen Umständen daraus befraget werden / damit sie also auff den rechten Verstand ge- führet werden / und nicht die Worte nur nach der Larven hin sagen e. g. Also hat GOtt die Welt geliebet / daß er seinen eingebohrnen Sohn gab etc. Wer hat die Welt geliebet? Resp. GOtt. Wen hat GOtt geliebet? Resp. die Welt. Was hat GOtt der Welt gethan? Resp. Er hat sie geliebet. Wie hat Er sie denn geliebet? Resp. daß er seinen eingebohrnen Sohn gab etc. Es ist nicht zu sagen / wie eine geringe Übung dar- zu erfordert werde / wann es recht angefangen wird. Dieses giebet aber eine grosse Leichtigkeit / die Sprüche darf'l24nach mit rechtem Nutzen zu Glauben / und Liebe anzuwenden. ( ß) Muß man ihnen hierbey ja nicht die Meynung einwurtzeln lassen / als seye es nun damit gethan / wenn man einen Spruch auswendig hersagen könne / sondern / daß nunmehro erst das Thun beweisen müsse / daß man den Spruch gelernet / wie Christus saget: So ihr solches wisset / selig seyd ihr / so ihrs thut. Joh. XIII. 9 Gleich wie es ja nicht genug ist / wann ein Lehr-Junge seinem Meister die Worte nachsagen kann / sondern / er muß es im Wercke beweisen / daß er seines Meisters Anweisung gefasset. (y) Man darff die Kinder nicht überhäufFen mit gar zu grosser menge der Sprüche / sonst verfallet man wieder mit den Kindern leichtlich dahin / daß man es auff viel Wissen ankommen lasse. So aber ja die Umstände schei­nen solten / solches zuerfordern / würde nicht undienlich seyn / wann man für allen andern wöchentlich einen Spruch nehme / der für vielen leichte / kurtz und nach­drücklich sey / auch zu Glauben und Liebe füglich könne angewandt werden. Solcher Spruch könnte mit dem Anfang der Wochen auswendig gelernet werden / und darnach eine stetige Gelegenheit seyn / dadurch die Kinder zuerwecken / oder zu straffen: e. g. trifft das mit dem Spruch überein? Auff solche Weise kann ein jeglicher solcher Spruch in eine feine Übung bey den Kindern gebracht werden / daß sie ihn nicht allein recht verstehen / sondern auch wohl practiciren lernen. (Ö) Wann die Kinder hier-

Joh. 13,17.