2. Unterricht zur Gottseligkeit und Klugheit, 1702
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immer sehen / daß es nicht nur ihres Informatoris / sondern GOttes Willen sey / daß (126*) sie es thun GOtt / und nicht Menschen zugefallen. Hierzu aber ist im vorhergehenden Paragrapho bereits Anweisung geschehen.
(5) 12 Ist nicht undienlich / daß man öffters in solchen Ermahnungen den Haupt- Zweck ihrer gantzen Aufferziehung und Unterweisung ihnen einschärffe / damit ihnen dieses ja fest ins Hertz eingepräget werde / daß alles mit Ihnen dem lebendigen GOtt im Himmel zu Ehren fürgenommen werde / und daß sie auch ihre Absicht einig und allein dahin richten müsten / nach der Ermahnung Pauli: Ihr esset oder trincket oder was ihr thut / das thut alles zur Ehre GOttes. I. Cor. 10. 13 It. Alles was ihr thut in Worten oder in Wercken j das thut alles im Nahmen des HErrn JEsu / und dancket GOtt und dem Vater durch Ihn . 14 Wenn dieser Grund fest im Hertzen stehet / mögen die übrigen Ermahnungen leicht Platz finden.
IX.
V. Es giebt auch nicht wenig Yortheil / wann der Informator denen Kindern die Tugenden und Laster mit lebendigen Farben / doch ohne einigen Anstoß / für zumahlen weiß. Solches ist bereits von denen vernünfftigen Heyden als ein guter Handgriff / die Tugend zuerwecken / und von denen Lastern die Leute abzuziehen / angesehen worden / wie solches bezeugen des Theophrasti Characteres, welche umb deß- willen von denen Gelehrten aestimiret werden / und von dem berühmten Casaubono mit einem ziemlich weitläufftigen Commentario ediret seyn / 1S wie auch deßwegen die Philologi einen besondern aestim von denen Comicis zu machen pflegen / welche es hierinnen vor andern getroffen. 16 Doch werden gewiß niemahls von einem Heyden die Tugenden oder Laster gründlich gnug vorgestellet / wie dessen ein Exempel der Aristoteles mit seinen undecim virtutibus gegeben. 17 Es mangelt auch hierinnen nicht an Christlichen Scribenten, die ein Exempel solcher Kennzeichen der Tugenden und Laster herfür gegeben / wie unter andern Joseph Hall in einem aus dem Englischen in die Teutsche Sprache übersetztem Büchlein einen Versuch gethan hat. 18 Boeclerus hat characteres Vellejanos geschrieben. 19 Auff solchen Schlag könte ein verständiger Informator ihm aus dem Exempel der heiligen Schrifft gewisse Kennzeichen der Tugenden und Laster ohne alle Beschwerung machen, e. g. Wann er an
12 Die Zählung (5) ist offensichtlich ein Druckfehler. Richter und Kramer ersetzen sie folgerichtig durch (£).
13 1. Kor. 10,31.
14 Kol. 3,17.
15 Isaak Casaubonus (1559—1614), reformierter Theologe, Herausgeber zahlreicher griechischer Klassiker. Seine Ausgabe der „Charaktere“ des Peripatetikers Theophrast (j" ca. 287 v. Chr.) erschien erstmalig 1598 in Lyon und erlebte viele Auflagen.
16 Seit der Zeit des Humanismus wurden die Komödien der antiken Schriftsteller gern im Sprachunterricht der Schulen als Lektüre verwendet und hoch geschätzt (vgl. dazu Richter, a.a.O., S.lölf.).
17 Mit dem Hinweis auf die „elf Tugenden“ des Aristoteles bezieht sich Francke auf die Nikomachische Ethik des Aristoteles (384—322 v. Chr.).
18 Joseph Hall (1574—1656), 1627 Bischof zu Exeter, seit 1641 Bischof zu Norwich. Seine Characteres virtutum et vitiorum erschienen 1619 lateinisch und 1621 englisch in London. Eine deutsche Übersetzung kam 1685 in Magdeburg (Nürnberg) heraus.
19 Johann Heinrich Boeder (1611—1672), Professor der Beredsamkeit in Straßburg und Upsala, dann Professor der Geschichte in Straßburg. Seine aus den Schriften des antiken Historikers Yelleius Paterculus entnommenen Characteres politici erschienen 1672 in Straßburg.
10 Peschke, Francke-Werke