2. Unterricht zur Gottseligkeit und Klugheit, 1702
139
über die Kinder anmaße / und sie mit Ungestümm und Pochen tractire / oder wohl gar der Kinder Gehorsam zu ihren Muthwillen und Frevel mißbrauche. Wie denn auch die beste Aufferziehung von dem Gesinde nicht geringen Anstoß leidet. (<5) Daß man die Kinder nicht zu der Zeit / da sie Gehorsam leisten sollen /mit Schmeicheleyen und Verheißungen zum Gehorsam dazu locke und reitze. e. g. Thue das / ich will dir Zucker geben. Die Kinder werden solches bald mercken / und nicht folgen wollen / wenn sie nichts dafür zugewarten haben, (e) Daß man sie wohl unterrichte / was zwischen dem äusserlichen Gehorsam (als Menschen zugefallen) und zwischen dem rechten Hertzens-Gehorsam (als vor GOtt) für ein grosser Unterscheid seye. Wie jener nichts anders seye / als eine äusserliche Höfflichkeit / wie es die Welt zu nennen pfleget: dieser aber in der wahren göttlichen Liebe und ungefärbten Bruder-Liebe seinen Grund habe. Wenigstens ist in ietzterwehnter Sache grosse Vorsichtigkeit zu gebrauchen. Fleiß und Liebe zur Arbeit ist auch höchst nöthig in der zarten Jugend eingeflösset zuwerden. Denn wer sich jung zum Müssiggang gewehnet hat / wird im Alter nicht gerne arbeiten / und lieget dieses gewiß einem treuen und gewissenhafften Informatori hart an / daß er wisse / wie Er die Mittel-Strasse zutreffen habe / daß die Kinder nicht zuviel müssig gehen / und doch auch nicht durch Mangel aller Müsse und Erholung ermüdet / träg und verdrossen / ja wol gar kranck und ungesund gemacht werden. Denn er siehet / wenn Er sie allzuhart anstrenget / daß das Gute von ihnen nicht mit freyem und auffgerichteten Gemüth / sondern mit vieler Trägheit und Verdruß geschehe; wenn er sie aber nach ihrem Gefallen spielen und müssig gehen lässet / daß alle gute Ermahnungen bald wieder verschwinden / nichts als Boßheit und Muthwillen gctrie/J 35*/ben werde / allerhand böse affecten bey ihnen erwecket / und die Sinnen zerstreuet werden / daß er fast allemahl vonvornen anfangen muß / sie zu einer rechtschaffenen und guten Art zubringen. Doch ist es gar wohl möglich / wenn nur Eltern und praeceptores sich hierinnen vereinigen. Und wird hie zu observiren seyn (1) daß die Eltern nicht von dem praeceptore fordern / daß die Kinder gar zu lange bey ihnen stille sitzen und lernen sollen / wie etwa einige meynen / daß sie ihren Kindern sonderlich wohl gerathen haben / wenn sie den praeceptorem adstringiren / daß er sie 6. 7. oder 8. Stunden des Tages informiren solle / und in solchen Stunden die lectiones also vertheilen / daß die Kinder beständig bey ihm sitzen und lernen müssen / welches ohne Verdruß und grossen Wiederwillen der zarten Kinder / auch gemeiniglich ohne Verletzung ihrer Gesundheit nicht geschehen mag. Denn ob zwar zu wünschen / daß der Informator seine untergebene Jugend fast nie von seiner Hand kommen liesse / ist doch solches nicht dahin zudeuten / daß Er die Kinder abmatte / und die Kräffte des Gemüths sich durch keine Abwechselung erholen solten / sondern daß der Informator nach dem Unterscheid der Kinder selbst seinen Verstand gebrauche / wenn / und wieviel / und auff was Art und Weise die Kinder lernen / und einiger Ruhe gemessen sollen. Da ich mich denn versichert halte / daß mit wenig Stunden / so viel das lernen betrifft / mehr könne ausgerichtet werden / als offtmals mit sehr vielen / wenn nemlich das Gemüth stille und ruhig / und in seinem Vigore erhalten wird.
(2) Damit man aber nicht nach der gemeinen Art / den bloßen Müssig-gang und Zeit-Vertreib mit kindlichen Muthwillen für eine Ruhe des Gemüths und Erholung der natürlichen Kräfften halte / wodurch dem Informatori pfleget alles wieder über einen Hauffen zu fallen / was er vorhin mit beständigem Fleiß auffgebauet hat / muß der Informator auff dergleichen Dinge bedacht seyn / darinnen die Kinder zwar ausruhen / aber die Zeit damit nicht unnützlich vertreiben / noch ihre ohnedem flatter- haffte Sinne in alle Welt zerstreuen. Die Heyden selbst haben hierinnen ein schön Exempel gegeben / indem sie die Kinder zeitig ad Mathesin angeführet / welches