2. Unterricht zur Gottseligkeit und Klugheit, 1702
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Comoedien-spielen / oder Anschauungen derselben / eine Abwechselung und Vergnügung machen wollen / werden dadurch auff einmahl mehr verderben / als sie in langer Zeit wieder gut machen können. Denn da sie denen Kindern die unnützen Bilder und Phantaseyen aus dem Kopff bringen solten / so suchen sie dieselbigen hinein zu bringen / und werden die Kinder nicht so bald einer Comoedie zugesehen haben / so werden sie untereinander anfangen solches nachzuäffen / und also denn viel etwas anders zu ihrem Zeitvertreib erwehlen / als ihnen nützlich ist.
(3) Ist auch vonnöthen / daß der Informator dessentwegen mit denen Eltern oder andern Unterredung halte / welche etwa die übrige Zeit Auffsicht haben / damit nicht durch jener Fahrlässigkeit das angefangene Gute wieder zustöret / oder das gute Vornehmen des Informatoris anders aufgenommen werde / als es von ihm angesehen ist / und die Eltern nicht einen Mißverstand fassen / als wolte man die Kinder gar zu scharff anstrengen / und ihre Gemüther (indem man sie nicht / wie andere Kinder / wolte unnützlich spielen / und muthwillen treiben lassen / wodurch doch mannich- mahl denen Eltern / ehe sie sichs versehen / groß Hertzeieid entstehet) auff einmahl niederschlagen.
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IX. Das Gebet ist ohne allem Streit eines der fürnehmsten Stücke unsers Christen- thumbs / und ist wol die Haupt-Ursache / warumb es dißfals bey den Meisten so gar schlecht bestellet ist / daß sie in ihrer Kindheit nicht mit rechtem Ernst / und auff gebührende Art und Weise / dazu angeführet sind / daß sie bey Zeiten hätten erkennen mögen / worinnen das rechte erhörliche Gebet bestehe / und wie sie damit vor GOtt kommen müsten. Daher siehet man / wie die meisten ihr Gebet vor und nach Tische / Morgens und Abends / ohne alle Andacht auch wol darzu mit grosser Frechheit / ja gar mit Untermischung anderer Geschäffte / bloß nach der Gewohnheit dahin sagen / und wann sie gebetet haben / sich kaum selbst dessen zu erinnern wissen / und wol andere fragen / ob sie gebetet haben / denen man auch wohl sicher mit Nein antworten möchte / weil sie doch nicht recht / und nach Gottes Willen gebetet. Doch lassen es viele bey solchen auswendig-gelerneten und ohne Andacht recitirten (wie- wol an und vor sich selbst nicht undienlichen) Gebets-Formulen bewenden. Die aber weiter gehen wollen / lesen wol noch in einigem Gebeth-Buche / so doch aber auch bald auff eine kaltsinnige Gewohnheit hinaus zu lauffen pfleget. Die wenigsten lernen ihr Hertz / und was etwa dasselbige drücket / selbst vor GOtt ausschütten / wie von der Hanna stehet 1 Sam. I. 81 Hier will nun Christlichen Eltern und Informatoribus obliegen / diesem Übel in der Aufferziehung ihrer Untergebenen / so viel möglich / vorzubiegen / damit nicht die schwere Rechenschafft für solche Verspottung GOttes ihnen dermaleins auff dem Halse liege.
(1) Und da ist (1) vonnöthen / daß man ja fleissig auff die Kinder acht habe / daß 6ie ihre Gebetlein mit Andacht und Auffmercksamkeit aussprechen / insonderheit / weil auch Erwachsene in denen Dingen / welche sie fertig ins Gedächtnüß gefasset / nicht so leichtlich ihre Gedancken Zusammenhalten mögen. Weil man aber gar bald an denen Kindern mercken kann / wenn sie die Worte immer nach der Larve hinsagen / müssen sie fleißig und beständig aufs neue zur Andacht erwecket werden. Denn wann solches unabläßlich geschiehet / werden die Kinder bald anfangen / sich selbst zubestraffen / wenn sie innewerden / daß sie unter wehrendem Gebet ihr Hertz nicht auff GOtt gerichtet / da man dennoch nicht ablassen muß / sie zu erinnern /