142 III. Pädagogische Schriften
so bald man ihnen abmercket / daß sie mit denen Gedancken wieder herumb- schweiffen wollen.
(139) (2) Hierzu aber ist vors (2) vonnöthen / daß man ja nicht zugebe / daß die Kinder sich gewehnen / die Worte übereinanderher zuwerffen / sondern daß man sie allezeit langsam / ordentlich und vernehmlich beten lasse / und wann sie ja etwa sich solten verwehnet haben / daß man sie gleichsam auffs neue beten lehre / weil man auch sonsten durch vielfältiges Erinnern sie nicht leichtlich von ihrer alten Gewohnheit abbringen wird. Gewiß ist es / daß die Übereilung im Gebet nicht zulasse / daß zugleich der Verstand der Worte ins Hertz gefasset / und GOtt fürgetragen werde / ja die zuhörenden selbst werden auch bey einen solchem Gebet in ihrer Andacht und Auffmercksamkeit unmüglich nachfolgen können.
(3) Da ist aber vonnöthen / daß man nicht etwa die Kinder unter wehrendem Gebeth mit einem scharffen Gesichte oder mit harten Scheltworten erschrecke / wie wol von vielen zugeschehen pfleget / dadurch das Hertz der Kinder nur in Furcht gesetzet / keines weges aber zu einem Füncklein wahrer Andacht erwecket wird.
(4) Will auch höchst vonnöthen seyn / daß man denen Kindern den wahren Verstand von dem jenigen / was sie beten / beybringe / welches auch gemeiniglich versäumet wird / daß auch die Kinder fast wieder ihren willen ein opus operatum machen müssen / e. g. wann einige Psalmen für oder nach Tische sollen gebetet werden / darinnen etwas unverständliches vorkömmt / muß man billich der Schwachheit der Kinder mit einer deutlich- und offt wiederholten Erklärung zu hülffe kommen / daß sie ihnen nicht ungereimte conceptus davon machen / als z. e. der HErr hat nicht Lust an der Stärcke des Rosses / noch Gefallen an jemandes Beinen etc. 32 ja auch in den andern Gebeten / welche an sich selbst leicht scheinen / will dennoch vonnöthen seyn / daß man die Kinder fleissig auff den wahren und lautern Verstand führe.
(5) Müssen auch die Kinder allmählich gewehnet werden / daß sie ihre eigene Noth mit eigenen Worten dem Lieben GOtt lernen fürtragen. Wie solches mit ihnen anzufangen seye / hat uns am besten der Heyland in dem Vater unser zuerkennen gegeben. Denn darinnen sind die Bitten aufs allereinfältigste und kindlichste / und ohne alle Weitläufftigkeit der Worte abgefasset / wie etwa die Kinder pflegen mit ihren leiblichen Eltern umbzugehen / wenn sie Hunger oder Durst empfinden / da sie bald zuruffen wissen; Vater oder Mutter gebt mir ein Stück Brodt / gebt mir zutrincken etc. Wann man nun mit denen Kin(T 40/dem also einfältig umbgehet / und sie öffters mit ihrem Lieben Vater umbgehen mögen / und Ihme ihre Noth mit so einfältigen Worten / als sie immer wollen / fürtragen dörffen / wird es so grosse Mühe nicht kosten / sie zu einem freudigen Zugang zu ihren Lieben GOtt zugewehnen. Man kann sie z. E. in der Früh-Stunde fragen / wofür sie GOtt zu dancken / und warumb sie Ihn zu bitten Ursache haben (damit sie also erstlich die Wohlthaten GOttes und ihre Nothdurfft erkennen) und dann sehen / wie sie mit ihren eigenen Worten GOtt dancken und bitten wollen / ihnen auch wol mit einem Exempel darinnen fürgehen / biß sie Selbsten nach und nach sich darinnen finden können. Nun wird zwar dann leichtlich geschehen / daß die Kinder bald wieder auff eine Art und gewisse Formul fallen / da man sie aber immer wieder zuerinnern / und zuerwecken hat / absonderlich aber sie immer auff den Grund führen muß / daß sie wissen / sie stehen in ihrem Gebet für GOttes Angesicht / der ihr Hertz und ihre Gedancken am besten kenne / und ihre Noth am besten wisse / daher sie Ihme dieselbe ohne alle Heucheley / und wie sie dieselbe in ihren Hertzen befinden / allezeit vortragen müsten / welches Gebeth
32 Ps. 147,10.