2. Unterricht zur Gottseligkeit und Klugheit, 1702

143

dennoch allezeit müsse gegründet seyn auff Christum / als in dessen Nahmen allein unser Gebet erhöret wird. Uber dieses können sie auch erinnert werden / daß sie auch unter ihrem Lernen und andern Thun / ihr Hertz sollen beständig zu GOtt richten / damit sie also ohne unterlaß beten lernen. Hier liegt gewiß das meiste an dem Infor- matore. Denn man sonsten bey denen Kindern / so anders die vorerwehnten Stücke bey ihnen fleissig in achtgenommen werden / hierinnen nicht so grossen Wiederstand finden wird / und würde denn ein solcher Mißbrauch des Gebets bey ihnen nicht statt haben können / darüber man insgemein zu klagen Ursach hat / wenn sie in solcher Anführung biß zu reifferen Jahren erhalten würden / sondern sie würden viel­mehr alles das jenige / was zu einem wahrhafFtigen Gebeth gehöret / als: Ein recht­schaffener Glaube an GOtt / und Yerläugnung unsers fleischlichen Eigenwillens / zeitlich erkennen / und zu ihrem Heyl anwenden lernen. Daß auch hiermit keine unmögliche Sache fürgeschrieben werde / hat die Erfahrung an vielen Kindern über­flüssig bezeuget.

XIV.

X. Nicht eine geringere Sorgfalt pflegen auch Christliche Eltern und Informatores in ihrer Kinder-Zucht zu haben wegen der Conversation und Gesellschafft ihrer Kinder. Denn wie bereits oben (141) erwehnung gethan / daß böse Exempel bey den Kindern auch die sonst beste Aufferziehung verderben / also will insonderheit die Nothwendigkeit erfordern / daß man genaue acht drauff habe / wie die jenigen Kinder beschaffen sind / mit welchen sie insgemein umbgehen dürffen. Hierauff hat man zusehen / (1) in ihrem zarten Alter / da die Kinder ohnedem geneiget sind / alles was sie sehen nach zu machen / und weil ihnen noch alles neu ist / was sie sehen und hören / leichter im Gedächtnüß behalten. Wie denn dahero geschiehet / daß viele in ihrem Alter auch nicht vergessen können / was sie in ihrer Kindheit von andern böses gesehen und gehöret. Weswegen denn die Erinnerung / welche oben geschehen / daß der Informator die Kinder / so viel möglich / immer bey sich haben möge / auff dieses Alter absonderlich zu ziehen ist.

(2) Muß man auch mehr hierauf acht haben / wenn sie ein wenig heranwachsen / denn da will vonnöthen seyn / daß man sie allmählich zu grösserer Freyheit kommen lasse / damit sie dieselbe nicht darnach plötzlich bekommen / und dadurch in ihrem : guten Lauffe einen grossen Anstoß leiden / wie solches vielen wiederfähret / wenn sie als aus einem Gefängnüß in die Freyheit loßgelassen werden. Es muß aber auch die Freyheit / welche man ihnen gestattet / also beschaffen seyn / daß dadurch das Gute in ihnen mehr befördert / als gehindert werde / in welchem Stück man das meiste auff die Fürsichtigkeit der Fürgesetzten muß ankommen lassen / welche alles nach deren! besonderen Umständen bestermassen werden einzurichten wissen.

(3) Wenn die Kinder von 13. biß 14. Jahren sind / auch wol zuweilen noch jünger / hat man fürnemlich Ursache wohl acht auff sie zu haben / daß nicht das Gute / was bey ihnen angefangen / wieder erkalte. Denn da sind 2. Ursachen / weswegen diese _ Jahre für andern der Jugend gefährlich sind. ( a ) Weil die Natur in solchen Jahren in ; k unterschiedliche Laster herauszubrechen pfleget / welche wol bey den meisten durch Verwechselung 33 ihrer Fürgesetzten also überhand zunehmen pflegen/daß sie auch darinnen biß an ihr Alter stecken bleiben. ( ß ) Kommen sie auch in solchen Jahren zu einer natürlichen Geschickligkeit zu conversiren / und sich in alle Welt-Arten zu­schicken / und fallen denn insgemein blind-weise zu / wie ihnen Gelegenheit zur

33 Verwechslung Wechsel.