2. Unterricht zur Gottseligkeit und Klugheit, 1702

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Informator als die Eltern / und so wol der Vater / als die Mutter /ja alle / die mit den Kindern umbgehen / ihrer Christlichen Pflicht nicht vergessen / und wird wahrhafftig darzu nicht eine Klugheit des natürlichen Menschen / sondern eine Weißheit von oben herab erfordert / welche in allem / und durch alles / und bey aller Gelegenheit die Ehre des Allerhöhesten zusuchen / und seinen Namen zuverherrlichen wisse / welche weder zuweit zur Rechten / noch zuweit zur Lincken abweiche / sondern in allen Stücken / in der in dem Worte GOttes gezeigeten Mittelstrasse einhergehe / die grosse Liebe GOttes / mit welcher GOtt insonderheit die Kinder hertzlich liebet / nach zusehen und nach zuforschen / seinen heiligen Wegen und Führungen / damit er ihre Seelen an sich zuziehen / nicht unterlasset / nach zugelien / seinem heiligen Segen und Gedeyen / dadurch er die zarte Pfläntzlein in dem Reich seines Sohnes erhält / durch fleißiges Regiessen die Hand zubieten wisse / und eine solche wichtige Sache nicht durch eigene Krafft und Geschicklichkeit wohl auszurichten gedencke / sondern vielmehr dafür halte / daß hier nichts seye / der da pflantze / sondern alleine GOtt / der das Gedeyen dazu giebet. Ob nun zwar keines weges geleugnet wird / daß man nicht leichtlich eine Aufferziehung finden werde / die also in allen Stücken / und von allen Seiten untadelhafft (147) seye / auch deswegen nicht leichtlich einer wird gefunden werden / der sich einer solchen Aufferziehung von Kindheit an rühmen könne / wird doch deswegen keines weges die Mühe ver- lohren seyn / so man alle diese Stücke / so die Anführung zur Gottseligkeit befördern / aufs genaueste überleget. Denn alsdenn einem treuen Hauß-Vater und Informatori oblieget / seine Pflicht / so viel an ihm ist / in keinem Stücke zuversäumen / und also die Aufferziehung der Kinder so gut einzurichten / als es immer möglich seyn will / und sich nicht abschrecken zulassen / weil er siehet / daß nicht alles auff einmal könne erhalten werden / sondern vielmehr Gott selbst demüthig anzuruffen / daß er die in dem Wege stehende Hindernisse nicht alleine zeigen / sondern auch je mehr und mehr aus dem Wege räumen wolle. Da ich dann gewiß und versichert bin / daß der gnädige und barmhertzige GOtt / nach seiner unermäßlichen Liebe / dadurch er so wol die Kinder / als die Erwachsene zu dem ewigen Reich seines Sohnes beruflen / seinen väterlichen Segen nicht entziehen werde / sondern wolle die Eltern umb der Kinder willen segnen / und denen Kindern nach der Verheissung des vierdten Gebots / zu nicht weniger Freude ihrer Eltern / Zeit ihres Lebens / wohlthun werde. Ja wohl denen Eltern und Fürgesetzten / die am Tage des Gerichts mit Freudigkeit werden sagen können: HErr! hie bin ich und die Kinder / die du mir gegeben hast.

Das II. Stück /

Von der Anführung zur Christlichen Klugheit.

XVIII.

NEchst der wahren Gottseligkeit ist nichts nöthigers / darauff in einer Christlichen Aufferziehung billig soll gesehen werden / als die Prudentz und Christliche Klugheit / und da wird nicht können geläugnet werden / daß solches insgemein gantz und gar verabsäumet werde / ja daß die Wenigsten daran gedencken / daß / oder auff welche Art und Weise man die zarte Jugend zu einer wahren und GOtt-gefälligen Klugheit (148) anweisen könne. Daher es denn auch geschiehet / daß so die jenigen / welche viele Wissenschafften in ihrer Jugend erlernen / darnach bey ihrer größesten Gelehr­samkeit wol den Namen haben / daß sie gelehrte / aber nicht kluge Leute sind / wie