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III. Pädagogische Schriften

auch Petrus Molinaeus in seinem Seelen-Friede im 2 Buch Cap. 18. gar nachdrücklich darüber klaget. 38 Ja eben dieses wiederfähret auch denen / welche zur Gottseligkeit in ihrer Kindheit angeführet sind / daß sie nachgehends wol für fromme / aber nicht für kluge Leute paßiren. Viele haben in ihrer Kindheit einen sehr feinen Grund ge­leget einer wahren Furcht GOttes / und lebendigen Erkäntnüß JEsu CHristi / weil sie aber durch Unachtsamkeit ihrer Eltern und Fürgesetzten nicht gelernet haben / sich für den arglistigen Feind / der sich auch in seinen Werckzeugcn als ein Tausend- Künstler erweiset / zu hüten / und ihre Perlen nicht für die Säue zuwerffen / sind sie denn von ihrer Einfältigkeit in Christo gantz unvermerckt verrücket worden / gleich­wie die Schlange Hevam verführete mit ihrer Schalckheit / und haben zum wenigsten mit ihrem grossen Schaden / den man wohl durch eine kluge Anführung hätte ver­hüten mögen / klug werden müssen. Daher denn auch unser Heyland / auff welchen der Geist der Weißheit und des Verstandes geruhet / nicht verabsäumet hat / seine Jünger zu Christlicher Klugheit anzumahnen / als Matth. VII.15. Sehet euch für für den falschen Propheten / die in Schaafs-Kleidern zu euch kommen / innwendig aber sind sie reissende Wöljfe / an ihren Früchten soll ihr sie erkennen etc. Matth. X.16. Siehe ich sende euch wie Schaafe mitten unter die Wölffe j darumb seyd klug wie die Schlangen / und einfältig / wie die Tauben / hütet euch aber für den Menschen, etc. Luc. XII.42. Wie ein groß Ding ist es umb einen treuen und klugen Haußhalter / wel­chen sein Herr setzet über sein Gesinde / daß er ihnen zu rechter zeit ihre Gebühr gebe Luc. XVI.8. der Herr lobete den ungerechten Haußhalter / daß er klüglich gethan hatte; denn die Kinder dieser Welt sind klüger / denn die Kinder des Lichts in ihrem Ge- schlechte. Also ermahnet auch Paulus Rom. XVI.19 Ich will / daß ihr weise seyd aujfs Gute / aber einfältig aujfs Böse. Er straffet die Galater / daß sie sich von den falschen Lehrern die Augen verblenden lassen / wegen ihres Unverstandes Gal. III.1. deß- gleichen ermahnet er die Epheser cap. V.15.16.17. So sehet nun zu / wie ihr fürsichtig- lich wandelt (axQtßcög accurate) nicht als die un(149)weisen / sondern als die Weisen j und schicket euch in die Zeit (siayogaCö/ievoi kauffet und löset sie theuer) denn es ist böse Zeit / darumb werdet nicht unverständig / sondern verständig / was da seye des HErrn Wille / und die Coloss. IV.5.6. Wandelt weißlich gegen die draussen sind / und schicket euch in die Zeit. Eure Rede sey allezeit lieblich / und mit Saltz gewürtzet / daß ihr wisset / wie ihr einem jeglichen antworten sollet. Zwar ist die Schuld nicht an der Lehre von der Gottseligkeit / noch an der wahren Gelehrsamkeit an und für sich selbst. Denn wo diese beschaffen sind / wie sie seyn sollen / und auch in der Zeit also angewandt werden / wie sie sollen angewandt werden / sind sie mit der Klugheit aufs allergenaueste verknüpffet und verbunden / und wird aus dem / das bereits von der Anführung zur Gottseligkeit gemeldet ist / zur genüge zuersehen seyn / daß daraus nicht ein geringer Theil der wahren Christlichen Klugheit gar leichtlich erfolgen werde. Die Schuld aber ist an der Anführung / und daß man nicht das jenige zur Gottseligkeit und Gelehrsamkeit rechnet / was man billich darzu rechnen solte / und das jenige dafür ausgiebet / was am allerwenigsten darzugehöret / wie an ermeldetem Orte Petrus Molinaeus in seinem Seelen-Friede / weitläufftiger und deutlicher zuer­kennen giebt. 37

36 Petrus Molinäus (Pierre de Moulin) (16001684), reformierter Theologe, war seit 1660 Hofkaplan Karls II. von England. Sein Traktat ,,Of peace and contentment of mind wurde bereits 1666 ins Deutsche übertragen. Eine weitere Übersetzung erschien 1685 in Leipzig. In dieser Ausgabe finden sich die genannten Ausführungen S. 284.

37 Petrus Molinäus, a.a. O., 1685, S.284ff.