1. Timotheus zum Fürbilde allen Theologiae Studiosis dargestellet, 1695
Von den ersten paränetischen Vorlesungen Franckes sind keine Nachschriften erhalten. Doch nahm er „bald nachhero aus diesen Lectionibus Gelegenheit, etliche Bogen unter dem titul: Timotheus zum Vorbilde denen Studiosis Theologiae vorge- stellet / drucken zu lassen“, gleichsam als „Extract“ dieser Vorlesungen (LP I, Vorrede). Der Erstdruck dieser Schrift konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Es geht jedoch aus dem Briefwechsel Franckes mit Spener hervor, daß der Druck wahrscheinlich am 16. Februar 1695 ausgeliefert worden ist (vgl. Kramer, Beiträge, S. 323, 327, 329f.). Zwar erschien auch die zweite, vermehrte Auflage im Jahre 1695, aber in ihr wird bereits Franckes „Anweisung zu beten“ erwähnt, die erst im April 1695 herauskam (vgl. vorl. Ausg., S. 370 ff.; Kramer, Beiträge, S.330ff.). Es folgten noch weitere Auflagen (1728 5 mit anderer Seitenzählung). Die Schrift wurde auch mit geringen Änderungen in den Sammelband „Öffentliches Zeugnis“ aufgenommen (WWD III, 194-226).
Wir legen den Text nach der zweiten Auflage aus dem Jahre 1695 vor.
Timotheus Zum Fürbilde Allen Theologiae Studiosis dargestellet von M. Aug. Hermann Francken / Gr. & Or. Lingg. P. P. & P. Glauch.
Editio secunda & auctior. Halle / verlegts Joh. Friedrich Zeitler. 1695.
(3) ES haben viele beydes unter denen Heyden und unter denen Christen geschrieben von den Kennzeichen der Tugenden und Laster / damit sie beyde mit lebendigen Farben abmahleten / und dadurch desto kräfftiger zur Tugend reitzten / und von denen Lastern abführeten. 1 Am deutlichsten und kläresten aber ist diese Lehr-Art / wenn solche Kennzeichen an einer gewissen Person fürgestellet werden / welche man zu einem Muster und Exempel der Tugend setzen kan. Das einige vollkommene Exempel ist Christus / welcher uns ein Fürbild gelassen / daß wir nachfolgen sollen seinen Fußstapffen / (4) 1. Pet. II. v. 21. Nach diesem Fürbilde müssen sich alle andere richten / und ie mehr sie damit Übereinkommen / ie mehr können sie auch selbst andern zur Nachfolge fürgestellet werden / wie Paulus saget 1. Cor. XI. v. 1. Seyd meine Nachfolger / gleich wie ich Christi. Und welche dann auch solchen getreuen Nachfolgern Christi treulich nachfolgen / die dienen wiederumb andern zu einem Exempel des Lebens / wie Paulus saget Phil. III. v. 17. Folget mir / lieben Brüder / und sehet auf die / die also wandeln / wie ihr uns habet zum Fürbilde. Also erbauet GOtt die Menschen nicht allein durchs Wort / sondern auch durch ein gut Exempel / damit auch die / so nicht glauben an das Wort / durch anderer gottseligen Wandel ohne Wort gewonnen werden. 1. Pet. III,1.
(5) Weil ich nun für nöthig erachtet / die Kennzeichen eines GOtt wohlgefälligen Studiosi Theologiae zur Erbauung derer / welche solchen Nahmen führen / darzustellen / so habe ich zu solchem Zweck für allen andern erwehlet die Person des Timothei, davon auch Paulus saget Phil. 11,20. Ich habe keinen / der so gar meines Sinnes sey /
1 Vgl. die Aufzählung im „Unterricht“, vorl. Ausg., S. 133.